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17.03.2017

Andere Länder - Andere (Schach-)Sitten

Zu Besuch bei den London Chess Classic
Isabel Steimbach
Zu Besuch bei den London Chess Classic

Das Spielrecht für ausländische Spieler/innen, sei es als Gastspieler/innen oder als feste Teammitglieder - ist immer wieder ein heißes Thema bei DSJ und DSB. Es ist interessant zu erfahren, wie andere Länder dies handhaben. Dazu anbei ein Erfahrungsbericht von Isabel Steimbach, eine der badischen Spitzenspielerinnen, die im Rahmen eines Auslandsaufenthaltes während ihres Studiums in London (Großbritannien) hierzu Erfahrungen sammeln konnte. Es ist verblüffend und beeindruckend, wie eine offene Gesellschaft neue Schachfreunde aus anderen Nationen mit offenen Armen aufnimmt und ihnen aktives Spielrecht gewährt. Auch die variierenden Spielmodi mögen irritieren oder faszinieren. Ein Beispiel für DSJ und DSB? Zumindest ein Fall zum Nachdenken über unsere Praxis.

Uwe Pfenning

Schach in London - Immer für eine Überraschung gut

Da ich studienbedingt sechs Monate am Imperial College London war und dennoch meiner Leidenschaft, dem Schach, nachgehen wollte, trat ich dem Schachclub des Colleges bei.

Wir trafen uns einmal pro Woche zum Vereinsabend. Hier haben wir gegeneinander geblitzt, mal eine Partie analysiert, uns über das Imperial College, unser Studium und „students struggles“ unterhalten. Alles in allem waren die Club nights sehr locker, gut zum socializing, es hat einfach Spaß gemacht. Soweit war es mir auch aus dem Unischach in Mannheim bekannt.

Äußerst mysteriös war allerdings die „London League“. Wir spielten in der 2. Division, was wahrscheinlich recht gut ist, so ganz habe ich das System nicht durchstiegen. Was ich allerdings recht schnell verstanden habe, ist dass unser Kapitän eine große Bürde zu tragen hat, dazu später mehr.

Die Mannschaftskämpfe fanden abends unter der Woche statt, was für uns bedeutet direkt nach Vorlesung und Labor zum Spielort zu gelangen. Am Spiellokal angekommen werfen die zwei Mannschaftsführer eine Münze um die Farbverteilung zu entscheiden (Adieu Vorbereitung, dazu hat man eh keine Zeit als Imperial Student).

Noch deutlich unheilvoller fand ich, dass nicht alle Bretter mit der gleichen Bedenkzeit spielen, sondern abwechselnd „quick play“ und „long play“. Quick play bedeutet 1 Stunde 15 Minuten für 30 Züge und 20 Minuten für den Rest der Partie. Long play hingegen sind 1 Stunde 30 Minuten für 36 Züge (40 ist zu Mainstream) danach wird das Spiel unterbrochen, der letzte Zug von Schwarz in einem Umschlag versiegelt und einen Termin für die Fortsetzung vereinbart (Juhu, Hängepartie). Bei meiner ersten Partie hatte ich die Ehre „long play“ zu erwischen, was ich erst im Lauf der Partie herausfand. Zwar hat man mir das vor Beginn der Runde erklärt, der Hängepartie konnte ich jedoch kein Glauben schenken und dachte, ich muss noch an meinen Englischkenntnissen arbeiten. Ich fing einfach mal an, die Figuren kamen mir soweit bekannt vor. Als ich jedoch später die Umschläge zum Versiegeln der Partien entdeckte, versuchte ich panisch die Partie vor Zug 36 zu beenden. Mein Gegner aber scheinbar auch - nochmal davongekommen.

Bezüglich der Spielberechtigung ticken auch hier die Uhren anders. Es gibt keine Meldefrist, man muss einfach eine (jährliche) Mitgliedschaft bei dem Englischen Schachverband kaufen, um ein ECF Grade zu bekommen. Die Umrechnungsformel ist wie erwartet nicht ganz konsequent. Bei mir wurde die Elo nicht wirklich umgerechnet, stattdessen haben meine Vereinskollegen mich freihand auf 170 ECF geschätzt.

Zu Thema konsequent: Der Spielbeginn war zu keiner festen Zeit, sondern der Gastgeber durfte diesen innerhalb eines Zeitfensters festlegen. Was natürlich dazu führte, dass wir bei einem Match 30 Minuten zu spät kamen. Naja, immerhin spielten wir inmitten der City of London (das Bankenviertel) unweit des Gherkins. Die Spiellokale sind auch eine Welt für sich in London. Zwar lagen alle in Central London, sodass diese gut zu erreichen waren, allerdings war es häufig eine Herausforderung in die Gebäude an sich zu gelangen, Privatgelände ist meistens recht unzugänglich.

Des Weiteren finde ich es durchaus bemerkenswert, dass unser Team aus Studenten (und ein Alumnus) des Imperial Colleges besteht, was bei 10 Spielern(!) pro Match dem Mannschaftsführer mächtiges Kopfzerbrechen bereitet (Wir alle wissen, dass es bei bereits 8 Spielern manchmal schwierig wird.)

Eine weitere Aufgabe für unseren Mannschaftsführer ist es, unser Spielmaterial zu besorgen. Dies lagert natürlich nicht in dem Raum, oder gar Gebäude unseres Clubraums (eigentlich die Küche der Mathematiker), so musste wir stets die Materialien in Koffern quer über den Campus transportieren.

Neben der London League spielten wir auch in mehreren Studententurnieren, wie das 20-20 Blitz in London oder die Britisch University Chess Championship nahe Coventry, in der ich als Captain unserer zwei Teams fungieren durfte (die üblichen Pflichten: Emails mit dem Veranstalter schreiben und dafür sorgen, dass die Jungs rechtzeitige am Bahnsteig sind). Ebenso spielten wir zusammen beim vergangenen London Chess Classics mit.

Wie es möglicherweise aus meiner auszugsweisen Schilderung hervorgeht, hatte ich jede Menge Spaß mit meinen Imperial Chess mates. Es war eine bereichernde Erfahrung die Londoner Schachwelt zu erschließen, auch wenn diese sich in einem anderen Universum zu befinden scheint.

Isabel Steimbach

Redaktionell leicht bearbeitet

4/5 Sterne (17 Stimmen)

// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 21794

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