Nach oben
09.05.2014

Erklärung des DSB-Präsidenten zur BMI-Entscheidung

Wolfgang Maier
Herbert Bastian

Liebe Schachfreunde,

seit Langem warne ich vor der Reduzierung der Förderung unseres Sports durch die öffentliche Hand. Es deutete sich an, dass nach der abgelaufenen Förderperiode Änderungen an den Kriterien vorgenommen werden. Bereits vor vier Jahren war der Versuch gemacht worden, Schach aus der Förderung zu streichen, aber damals war der uns durch die Satzung des DOSB garantierte Bestandsschutz noch respektiert worden. Diese Überlegungen spielten bereits bei der im letzten Jahr vorgenommenen Beitragserhöhung eine Rolle, was wir auch entsprechend kommuniziert hatten. Es bestand eine schwache Hoffnung, dass die Gelder schrittweise reduziert werden, weil das durch die an den Verhandlungen mit dem BMI beteiligten Vertreter der Nichtolympischen Verbände in Aussicht gestellt worden war.

Das Klima in den von mir geführten Gesprächen mit dem BMI und dem DOSB hat diese Hoffnung allerdings nicht genährt. Es war klar, dass ein großer Teil der theoretisch erreichbaren Fördergelder künftig von sportlichen Erfolgen abhängig gemacht wird. Mit Stolz blicken wir auf den Sieg unserer Mannschaft bei den Europameisterschaften in Griechenland 2011 zurück. Auch die weiteren Auftritte der Mannschaft bei den Turnieren 2012 und 2013 waren weitgehend erfolgreich, wenngleich nicht mit Medaillen gekrönt. Uns ist bewusst, dass ein solcher Erfolg nicht beliebig wiederholbar ist. Gerade daher sehen wir uns durch den Verbandswechsel des ehemaligen Einzeleuropameisters Liviu Dieter Nisipeanu für kommende Aufgaben gut vorbereitet.

Als im letzten Jahr überraschend vom BMI die Frage aufgeworfen wurde, warum der Schachsport nach den Richtlinien des 2006 gegründeten DOSB überhaupt noch förderungswürdig sei, haben wir alle Hebel in Bewegung gesetzt und konnten erreichen, dass sich alle Landessportbünde und der komplette DOSB einstimmig hinter uns gestellt haben. Niemand hat in den entscheidenden Gremien auch nur ansatzweise in Frage gestellt, dass das Turnierschach als vollwertiger Sport anerkannt wird, was ja auch vom IOC bestätigt wird. Dieser Erfolg machte uns Mut, jedoch sind wir dieser Tage brutal mit der Realität konfrontiert worden.

Video: Mitgliederversammlung DOSB - Förderung Leistungssport (Passage ab 13min 10 sec)

Wir sind seit Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts Teil der Sportbewegung, Gründungsmitglied des DOSB und bekommen seit 1976 Fördergelder. Das zuständige Referat im BMI interessiert das jedoch nicht, weil man sich auf den Standpunkt stellt, dass beim Schachsport das Kriterium der „eigenmotorischen Aktivität“ nicht erfüllt sei. Diese Auslegung ist willkürlich und könnte bei näherem Hinsehen, insbesondere bei Vergleich mit anderen, teilweise sogar olympischen Sportarten genauso gut anders ausfallen.

Bereits Ende dieses Monats werden wir nun mit unseren Mitgliedsverbänden Pläne schmieden müssen, wie wir gegebenenfalls unseren Verband auch ohne BMI-Gelder gestalten. Diesen Gesprächen möchte ich nicht vorgreifen, weshalb ich zu möglichen Veränderungen zum jetzigen Zeitpunkt keine Aussage machen möchte. Das bedeutet aber nicht, dass wir die nach unserer Auffassung willkürliche Diskriminierung ohne maximalen Widerstand hinnehmen werden.

Pixabay/David Mark

Liebe Schachfreunde, das Präsidium steht für ein vielfältiges Angebot für Spieler aller Spielstärken in einem lebendigen Verband. Wir wollen Ihnen, den Mitgliedern, ein Zuhause für geselliges und auch sportlich ausgerichtetes Wettkampfschach bieten und einen angemessenen Service in unserer Geschäftsstelle sichern. Über den Leistungssport, die Nachwuchsförderung, das Schulschach und kulturelle Aspekte sowie eine möglichst professionelle Aufbereitung und Präsentation im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit wollen wir ein positives Klima schaffen, in dem Vereine neue Mitglieder interessieren können. In all diesen Bereichen haben wir in den letzten Jahren Fortschritte gemacht und befinden uns auf einem guten Weg.

Gute Arbeit kostet Geld, das uns nun fehlt. Wir werden all unsere Energie dafür einsetzen, den Schaden zu minimieren. Nach ersten juristischen Einschätzungen bestehen Chancen, die Entscheidung rechtlich anzugreifen. Allerdings ist es unsere feste Überzeugung, dass eine rechtliche Auseinandersetzung, die Zeit, Kraft und Geld kostet, immer nur das letzte Mittel sein kann. Wir scheuen eine solche Auseinandersetzung nicht, setzen aber zunächst noch auf den Dialog. Wir bitten daher Sie um Ihr Vertrauen und Unterstützung. Diese Krise muss uns zusammenschweißen und zur Chance werden! Wir sind fast 100.000 Menschen mit einer sehr viel größeren Zahl von Sympathisanten, die ein gemeinsames Interesse haben. Lassen Sie jeden wissen, was auf dem Spiel steht und mit welcher Willkür man uns diskriminiert. Sprechen Sie Ihre Abgeordneten an und andere Menschen, die jemanden kennen, der jemanden kennt. Bald sind Wahlen. Nicht nur die Europawahlen, sondern auch die Kommunalwahlen in vielen Bundesländern sind eine Chance für unser gemeinsames Anliegen. Viele Vereine leisten mit großem ehrenamtlichen Engagement einen Beitrag, der ihre Kommune lebenswert macht. Lassen Sie das die Wahlbewerber, die Ihre Stimme haben wollen, wissen.

In der Schlacht auf den 64 Feldern sind wir es gewohnt leise zu sein. Aber unsere aktuelle Wut darf man hören!

Herbert Bastian
Präsident Deutscher Schachbund

// Veröffentlicht von Frank Hoppe // Archiv: DSB-Nachrichten // ID 9754

Sie müssen sich anmelden, wenn Sie diesen Artikel kommentieren wollen.
Haben Sie Nachrichten für uns? ist die richtige Adresse!

Zurück