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03.11.2015

Reinhold Max Blümich (* 3. November 1886 in Leipzig)

Deutsche Schachzeitung 1942
Max Blümich

Aufgerieben durch den Dienst am Schachspiel ...
Ein paar Gedanken im Vorgriff auf eine späte Rehabilitation zum 130. Geburtstag 2016

von Michael Negele

Titelbild (Quelle Nachruf in der Deutschen Schachzeitung März 1942 S.33):
Unser langjähriger Hauptherausgeber, R. Max Blümich, erlag, tief erschüttert durch den Tod seines einzigen, hochbegabten Sohnes, der vor einiger Zeit im Osten gefallen ist, am 23. Februar 1942 auf der Rückreise von der Verlobungsfeier seiner Tochter, einem Herzschlag.

Diese Todesnachricht traf Freunde und Mitstreiter nicht unbedingt überraschend, mit Blümichs Gesundheit war es nicht zum Besten bestellt gewesen. Seit 1925 war Blümich der inhaltliche Motor der Deutschen Schachzeitung gewesen, zuerst zusammen mit dem Dresdner Dr. Fritz Palitzsch (1889-1932) als Herausgeber und Redakteur des Partien-Teiles, nach Palitzsch's Tod ab Anfang April 1932 dann gesamtverantwortlich.
In der Leipziger Schachgeschichte (von 2008) setzen sich deren Verfasser durchaus kritisch, aber wohlwollend mit der bedeutenden Spieler-Persönlichkeit ihrer Heimatstadt auseinander. 
Waren die nicht nur auf lokale Turniere beschränkten Schacherfolge des leitenden Bahnpostbeamten Reinhold Max Blümich in den zwanziger und dreissiger Jahren unstrittig (Neunmal wurde Blümich Leipziger Stadtmeister und war natürlich auch Dauer-Vereinsmeister der Schachgesellschaft Augustea, der er seit 21.2.1908 angehörte.), so wurde - möglicherweise zu Unrecht - der umtriebige Schachfunktionär als „überzeugter Nazi“ abgestempelt.

Sicherlich hatte sich Blümich, der viele Jahre den Sächsischen Schachbund (ab 1922 -?- bis 1926 -?-, ab 1929 bis 1933 und wieder 1939 bis 1942) und zeitweilig auch „seine“ Augustea leitete, in einer Rede auf dem 21. Verbandstag in Thum (Erzgebirge) am 15. April 1933 im vorauseilendem Gehorsam zum Nationalsozialismus bekannt. Im Überschwang veranlasste er im Namen der Bundesversammlung die Versendung eines (eigentlich unangemessenen) Huldigungstelegrammes an den neuen Reichskanzler, Adolf Hitler.
 
War der sich bis zur Selbstaufgabe für das Schach einsetzende Blümich tatsächlich vor seinem politischen Bekenntnis überzeugt oder handelte er damals aus reinem Selbsterhalt, um seine Chance auf Wiederwahl zu erhöhen? Kommissarischer Verbandsleiter „der Neuen Zeit“ wurde übrigens das NSDAP-Mitglied Franz Hammer (vom DHV), der 1933 wesentlich für eine politische Ausrichtung des Großdeutschen Schachbundes kämpfte.

Blümich hingegen war vorerst kaltgestellt und widmete sich vermehrt dem praktischen Spiel und wie erwähnt der Publizistik, unter anderem auch durch die Neubearbeitung von Minckwitz' ABC des Schachspiels und einem Buch zum WM-Kampf 1937 Euwe-Aljechin. Zeitzeugen wie der jüdische Schachsammler und Antiquar Albrecht Buschke äußerten später - so in einem Brief an den Lübecker Schachsammler Gerd Meyer - beträchtliche Zweifel an Blümichs nationalsozialistischer Überzeugung. Buschke hatte angeblich einige die Nazis angreifende Briefe von Blümich erhalten, die er bei seiner Emigration in die USA vernichten musste.
Doch es sind zur Klärung von Blümichs Haltung tatsächlich Primärdokumente erhalten geblieben, und zwar aus höchst kompetenter Feder:
Gegenüber Jakob Adolf Seitz äußerte sich am 11.Juli 1945 Jacques Mieses in einem Brief aus London eindeutig:
 „(…) Es tut mir sehr leid, vom Tode Blümichs zu erfahren. Er war ein angenehmer Mensch und unter keinen Umständen ein Nazi.“

Mieses' Name war schon 1940 (in einer veränderten Nachauflage der 14. Ausgabe) vom Titelblatt und in den Vorreden getilgt worden, aber im Kurztitel Dufresne-Mieses, Lehrbuch erhalten. Unrühmliche Bedeutung errang Max Blümich durch eine ihm zur Last gelegte tiefgreifende Überarbeitung der 15. Auflage (1941) und 16. Auflage (1943) des Kleinen Lehrbuches des Schachspiels von Jean Dufresne und Jacques Mieses, die u.a. in einer dummdreisten „Entjudung“ der Schachgeschichte durch Streichung der Namen nahezu aller jüdischen Schachmeister bestand. Ganz um Objektivität bemüht, sprach Jaques Mieses seinen langjährigen Leipziger Freund und Weggefährten im Vorwort zur 17. Auflage 1949 und in einem wenig später datierten Brief großmütig von jeglicher Schuld an dieser Verstümmlung frei:  „(…) Seine Neubearbeitung halte ich in schachliterarischer Hinsicht für ganz vortrefflich, und es liegt ihr eine wohldurchdachte Systematik zugrunde.“
In einem in der Königlichen Bibliothek in Den Haag erhaltenen Briefwechsel mit dem Dresdner Schachfreund Otto Stobbe (von diesem 1958 an den niederländischen Sammler Meindert Niemejer übergeben – MN) führte Mieses am 26.Juni 1950 im Detail folgendes aus:
„Die Streichung aller jüdischen Namen in der 15. und 16. Auflage des „Lehrbuches“ konnte Blümich, der mir freundschaftlich nahestand, keinesfalls vermeiden, und die Übernahme der Neubearbeitung überhaupt abzulehnen, wäre für ihn, der ein höherer Postbeamter war, aus naheliegenden Gründen bedenklich gewesen. Auch hätte er damit den sehr freisinnigen Verlag nur in Verlegenheit gebracht.“
[Die Arisierung der deutschen Schachliteratur nach 1933 betrifft im Übrigen nicht nur diesen im Philipp Reclam jun. Verlag, Leipzig verlegten Titel, sondern auch solche von Walter de Gruyter & Co., Berlin und Leipzig. Dieser Umstand scheint mir bislang unzureichend aufgearbeitet, u.a. sind die Bücher Kurt Richters betroffen – MN.]

Die beträchtlichen Turniererfolge von Max Blümich hatten sich schon vor dem Ersten Weltkrieg eingestellt: Wohl zehnmal - 1910, 1911, 1920, 1922, 1923, 1925, 1928, 1929, 1935 und 1941 - errang er – allein oder geteilt - den Titel „Meister von Sachsen“.
(Hier ergeben sich in den Quellenwerken z.T. etwas widersprüchliche Angaben - MN.)

Funkschach-Jahrbuch 1926, S. 20
Blümich, konzentriert am Schachbrett Anfang der zwanziger Jahre. Er war auch ein prominenter Verfechter des Funkschachs mit einem eigenen Programm bei der MIRAG.

Das Hauptturnier 1923 des Deutschen Schachbundes in Frankfurt am Main gewann Blümich vor Meisterspielern wie Kurt Richter, Walther Freiherr von Holzhausen, Josef Lokvenc und Albert Becker und wurde damit ein „Deutscher Meister“. Beim 24. Kongress des DSB in Breslau 1925 landete er in dem stark besetzten Meisterturnier nur auf dem vorletzten Platz, blieb allerdings gegen Siegbert Tarrasch Sieger.
Zehn Jahre später in Aachen 1935 teilte Blümich mit Berthold Koch den letzten Platz, seine redaktionelle und berufliche Doppelbelastung erlaubten damals kaum bessere Resultate.
1928 hatte der Leipziger Deutschland bei der zweiten Schacholympiade in Den Haag vertreten und erzielte mit +5 –4 =4 an Brett vier ein durchaus achtbares Ergebnis.
Noch im zweiten Weltkrieg, obwohl gesundheitlich angegriffen durch ein Herzleiden und durch den Beruf mit Dienstreisen belastet, beteiligte sich Blümich an dem anstrengenden Turnieren im Generalgouvernement: Er teilte den 5. Platz (unter 12 Teilnehmern) in Krakau/Krynica/Warschau 1940 und den 7. Platz (ebenfalls 12 Teilnehmer) in Krakau/Warschau 1941.

Seine relativ unbekannte Gewinnpartie (gegen den späteren Zweitplatzierten hinter Carl Ahues) stammt aus dem Meisterturnier des 26. DSB-Kongresses 1929 in Duisburg, das Blümich mit guten 50% abschloss.

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1929

(Quelle Alfred Diel Schach in Deutschland 1977, bzw. die erwähnte Festschrift, erschienen 1926 bei Walter de Gruyter & Co., Berlin und Keipzig.)

Kongressbild des Meisterturniers Duisburg 1929

Max Blümich steht wahrscheinlich in der oberen Reihe ganz rechts neben Kurt Richter und hinter Albert Hild, Schriftführer des DSB, der die Partienotationen dieses Meisterturniers vollständig bewahrte. Sein Gegner Paul Saladin Leonhardt steht in der zweiten Reihe und blickt sozusagen nach links „aus dem Bild“.
Zur Beweisführung mag ein Blümich-Bildnis aus der Festschrift Am sprudelnden Schachquell zum 50. Gründungsjubiläum des Dresdner Schachvereins dienen, dessen Mitglied Blümich ebenfalls war. Beim internationalen Meisterturnier Dresden 1926 teilte Blümich mit Yates den vorletzten Platz.

Beim 27. Kongress des SSB in Plauen i.V. war dann Blümichs „Stammplatz“ verwaist, somit konnte er „den“ sächsischen Meister, die 20jährige Edith Keller, nicht mehr würdigen.
Zu seinen Ehren veranstaltete die Leipziger Augustea im Winter 1942 ein Max-Blümich-Gedenkturnier, das Walter Niephaus und Klaus Junge gewannen.

Der Autor dankt Hans-Jürgen Fresen (Bochum) und Andreas Saremba (Brieselang) für die
bereitwillige Überlassung der Briefe Mieses/Seitz, bzw. Buschke/Meyer.

Wertvolle, wenn auch z.T. nicht ganz konsistente Informationen über Reinhold Max Blümich sind der erwähnter Leipziger Schachgeschichte, sowie der Sächsischen Schachgeschichte – ein Überblick – von 2002 und dem Schach in Sachsen von 2008 zu entnehmen.
Verweisen möchte ich auf die Beiträge von Gottfried Braun in KARL 1/2006 und Kaissiber 24, sowie von Peter Anderberg in Kaissiber 32.

// Archiv: DSB-Nachrichten // ID 20421

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