10 Monate Powergirls – ein Fazit von Jana Schneider

12. Juli 2022

Letzte Runde der 2. Bundesliga Ost 2022, links: Petr Haba (Erfurter SK)

Seit letztem August bin ich ein Powergirl. Ja, ich fand den Namen auch gewöhnungsbedürftig. Aber nein, mir ist keine bessere Alternative eingefallen. Mittlerweile hat sich der Name auch etabliert und viele Schachspieler und Schachspielerinnen wissen, dass damit das neue Frauen-Förderprogramm, eingeführt vom Leistungssportreferenten, gemeint ist.

Finanziert wird die Förderung von der Krulich-Immobilien-Gruppe mit dem schachbegeisterten Inhaber Roman Krulich. Erst letzten Monat wurde bekanntgegeben, dass im Februar 2023 eine Etappe des Frauen-Grand-Prix in München mit den weltbesten Schachspielerinnen und der Krulich-Immobilien-Gruppe als Hauptsponsor stattfinden wird.

Über den Sponsor

Die Immobiliengruppe Krulich zählt seit mehr als 20 Jahren zu den wichtigsten Förderern des Schachsports in Deutschland. Inhaber Roman Krulich - selbst ein starker Turnierspieler - hatte durch sein Sponsoring der Mannschaft von MSA Zugzwang den Aufstieg von der Landesliga bis in die erste Bundesliga ermöglicht. Er ist auch Gründer der Münchener Schachstiftung, die jährlich bis zu 1500 benachteiligte Menschen in unterschiedlichen Bereichen fördert, von Schulkindern in sozialen Brennpunkten über Menschen mit körperlichen Einschränkungen bis hin zu krebskranken Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen. Für sein Engagement wurde Roman Krulich 2016 der Deutsche Schachpreis verliehen.

Roman Krulich

Wie entstand das Programm?

Gerald Hertneck, Schachgroßmeister aus München und Referent für Leistungssport beim Deutschen Schachbund, hat das Programm im letzten Jahr ins Leben gerufen. Schon davor gab es von vielen Seiten den Wunsch, den Erfolg der Prinzen bzw. Prinzessinnen zu wiederholen. Die Powergirls sind aber keine Prinzessinnen.

Wer sind die Powergirls?

Sechs starke deutsche Nachwuchsspielerinnen wurden für das Programm ausgewählt. Alle waren zum Zeitpunkt des Beginns des Programms im B- oder C-Kader. Mittlerweile gehören sie ohne Ausnahme zum B-Kader. Dank meines großen Erfolgs bei der Kader-Challenge im April 2021, und dem sehr guten Ergebnis am Spitzenbrett der Nationalmannschaft beim Mitropa-Cup, nominierte mich Gerald ohne Zögern als Powergirl. Wer noch dabei ist: Josefine Heinemann, Fiona Sieber, Annmarie Mütsch, Lara Schulze und Antonia Ziegenfuß.

Was ist die Förderung?

Jana Schneider mit Trainer Michael Prusikin beim Millennium-Meisterturnier in Rosenheim

Bei der Förderung handelt es sich um finanzielle Förderung. Nicht nur Turnierkosten werden erstattet, sondern auch die Kosten für einen Heimtrainer. Ich trainiere seit Jahren mit Großmeister Michael Prusikin. Bisher haben ich bzw. meine Eltern die Kosten immer selbst übernommen. Ab und zu bekam ich Zuschüsse, beispielsweise von meinem Landesverband Bayern. Aber eine komplette Kostenabdeckung gab es noch nie. Das ist möglicherweise auch ein Grund, dass vor Beginn des Programms mehrere der Powergirls kein regelmäßiges Einzeltraining mit einem Heimtrainer hatten. Mit dem Powergirls-Programm sollte sich das ändern. Alle Powergirls trainieren seit Beginn des Programms regelmäßig mit einem Heimtrainer und bekommen Turnierteilnahmen finanziert.

Was ist das Ziel?

Natürlich wartet die deutsche Schachwelt nun auf Leistungsverbesserungen der Powergirls. Das große Ziel: konkret die Steigerung der Elo-Zahl mit dem Ziel 2400 - und weniger konkret die Stärkung der Frauen-Nationalmannschaft. Woran misst man Erfolge des Programms? Objektiv an Rating, Normen, Turnierleistungen und Einsätzen für die Nationalmannschaft würde ich sagen. Im Folgenden werde ich über Erfolge von mir in der Zeit des Powergirls-Programm anhand dieser Leistungskriterien schreiben. Klar gab es für mich auch Misserfolge in dieser Zeit, die ich aber nicht in einen Zusammenhang mit dem Powergirls-Programm setzen möchte. Auch die anderen Powergirls hatten natürlich tolle Erfolge, auf die ich hier aber nicht eingehen werde. Aus dem simplen Grund, dass ich nichts falsch darstellen möchte, gerade in Bezug auf persönliche schachliche Erfolge, deren Bedeutung man aus eigener Sicht natürlich viel besser erzählen kann.

Rating

Ich hatte im Juli 2021 mein Allzeit-Hoch von 2353 Elo erreicht. Nach zwei Niederlagen beim Weltcup und einem sehr schlechten Ergebnis beim German Masters der Frauen (3/9 Punkte ohne Sieg) startete ich in das Powergirls-Programm mit einer Elo-Zahl von 2283. Etwas frustriert von der Tatsache, dass ich mein Rating in der ersten Jahreshälfte langsam aufgebaut hatte, um dann alles innerhalb von etwa zwei Wochen wieder zu verlieren. Den Rest des Jahres spielte ich nur noch drei Mannschaftsturniere, die Ligen wurden durch Corona ausgebremst. Erst im erst im Frühjahr 2022 schaffte ich es meine Elo-Zahl wieder über die 2300-Grenze zu heben. Nach mehreren erfolgreichen Turnieren und einer sehr guten Saison in der 2. Bundesliga stehe ich aktuell bei einer Elo von 2342 und damit Platz 5 in der deutschen Frauenliste. Seit „Gründung“ der Powergirls also etwas über 60 Punkte plus.

Normen

Meldung der Bayerischen Schachjugend in den sozialen Medien

Gleich zu Beginn des Förderprogramms konnte ich meine dritte und letzte erforderliche WGM-Norm durch eine sehr gute Frauenbundesliga-Saison 2019/21 erreichen. Ich habe dazu einen ausführlichen Bericht geschrieben. Nach dem Titel Großmeisterin scheint auch der nächsthöhere Titel Internationaler Meister nicht allzu weit weg. Im März diesen Jahres erzielte ich meine erste IM-Norm mit einer starken Leistung beim Millennium-Meisterturnier. Unter anderem schaffte ich ein Schwarzremis in einer guten Partie gegen meinen langjährigen Trainer Großmeister Michael Prusikin. Auch darüber habe ich geschrieben.

In der zweiten Bundesliga Ost habe ich für meinen Verein SC Bavaria Regensburg 4 von 8 Punkten erzielt gegen einen Gegnerschnitt von über 2400. Eine zweite IM-Norm wäre in greifbarer Nähe, ist aber leider in dieser Saison nicht möglich. Durch den Rückzug einer Mannschaft gibt es nur acht Runden, für die Norm wären neun erforderlich.

Turnierleistungen

Mein bestes Turnier im vergangenen Jahr war das bereits erwähnte Meisterturnier in Rosenheim. Dort war ich auch sehr zufrieden mit der Qualität meiner Partien, was – wie alle Schachspielerinnen und Schachspieler – wissen, nicht immer der Fall ist, auch wenn man ein gutes Ergebnis erzielt.

Ein weiteres gutes Turnier habe ich dieses Jahr beim German Masters der Frauen erreicht. Mit einer Leistung von über 2400, fünf Siegen und dem zweiten Platz beim besten deutschen Frauenturnier des Jahres kann ich nicht unzufrieden sein. Mein Ziel bei diesem Turnier war nicht der erste Platz, sondern mehr noch die Nominierung für die Nationalmannschaft, die direkt nach dem Turnier durch unseren Bundestrainer, Großmeister Yuri Yakovich erfolgte. Dieses Ziel habe ich erreicht.

Besonders wichtig war mein Sieg in der vorletzten Runde gegen die punktgleiche Melanie Lubbe beim Kampf um die Tabellenführung. Im Februar hatte ich in der Frauenbundesliga noch gegen sie verloren und konnte mich hier revanchieren. Nach 22. … c5 23.Dc4! bekommt Schwarz große Probleme mit dem e6-Bauern, was schließlich zum Partieverlust führte.

Siegerehrung des German Masters der Frauen 2022. Fünfte von links: Jana Schneider.

Nationalmannschaft

Ich hatte vorher schon zweimal beim Mitropa-Cup gespielt, aber im Herbst 2021 war es für mich das erste Mal, dass ich für ein großes internationales Turnier für die Nationalmannschaft nominiert wurde. Jahrelang blieb das ein großes Ziel für mich. Und dann gleich zweimal für Welt- und Europameisterschaft. Über die Turniere selbst wurde schon viel berichtet, inklusive Videos und Interviews. Ich bin nicht unzufrieden mit meinen Leistungen dort und der fünfte Platz bei der EM war ein großer Erfolg.

In dieser Stellung gab meine Gegnerin Monica Calzetta-Ruiz (Schwarz) auf und ich konnte einen ganzen Punkt zum sehr wichtigen 2½:1½-Sieg gegen Spanien beisteuern.

Die diesjährige deutsche Olympiamannschaft: In der Mitte: Elisabeth Pähtz (Foto: Pascal Simon). Im Uhrzeigersinn v.l.o.: Jana Schneider (Oliver Köller), Josefine Heinemann, Hanna Marie Klek und Dinara Wagner (Oliver Köller)

In diesem Jahr war mein großes Ziel für meine erste Olympiade nominiert zu werden. Am Ende wurde es sehr knapp und ich bin glücklich darüber, in Indien für Deutschland antreten zu dürfen. Ich werde dort mein Bestes geben.

Persönliches Fazit

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit meiner schachlichen Entwicklung in der Zeit des Powergirls-Programms. Sicherlich sind meine Erfolge (und auch die Misserfolge, über die man nicht so gerne schreibt) nicht ausschließlich auf das Förderprogramm zurückzuführen. Ich glaube aber schon, dass mich die Förderung motiviert hat, viel zu trainieren und mein bestes Schach zu spielen. Schließlich möchte ich die Förderung nicht einfach nur einsacken, sondern etwas davon zurückgeben und damit auch Gerald, den Schachbund und die Schachöffentlichkeit überzeugen, dass das Förderprogramm eine gute Idee war und dem deutschen Frauenschach etwas bringt. So dass hoffentlich das Programm fortgeführt wird und am besten auch jüngere Spielerinnen eine spezielle Unterstützung erhalten. Mit den C-Kader-Spielerinnen Svenja Butenandt und Luisa Bashylina, sowie den Deutschen Jugendmeisterinnen Jana Bardorz, Maja Buchholz und Dora Peglau nenne ich nur einige wenige der vielversprechenden jungen deutschen Schachspielerinnen. Auch sie sollten meiner Meinung nach gefördert werden, um ihr volles Potenzial erreichen zu können. Denn ich weiß selbst, dass Schachspielen und -trainieren teuer ist, vor allem auf dem Weg zur Aufnahme in den deutschen A/B/C-Kader.

Mein Fazit: Ich bin sehr dankbar für die Aufnahme in das Powergirls-Programm und gebe mein Bestes, um dieser Förderung würdig zu werden. Ob ich diesen Sommer noch den Sprung auf 2400+ Elo schaffe – wahrscheinlich nicht. Aber ich habe das Gefühl, ich bin auf einem guten Weg dorthin und mein Ziel ist es, diese Rating-Grenze bis Ende des Jahres zu erreichen.

Jana Schneider

(Redaktionell leicht bearbeitet)

// Archiv: DSB-Nachrichten - Powergirls // ID 10972

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