32 Jahre deutsche Einheit und 75 Jahre Schachfreunde Plochingen

24. November 2022

Marc Lang bei der Begrüßung seiner Gegner

Die Schachfreunde Plochingen wurden 1947 als Schachabteilung eines Turnvereins gegründet, aus der 1965 der heutige Schachverein entstand. In diesem Jahr wurde der Verein damit 75 Jahre alt und hatte beginnend im Mai ein reichhaltiges Programm zu seinem Jubiläum organisiert. Höhepunkt waren dabei die Veranstaltungen Anfang Oktober, wo u.a. Marc Lang einen neuen Weltrekord im Blindsimultan-Schnellschach aufstellen wollte. Unterstützt wurde der Verein insbesondere bei den Aktivitäten rund um 32 Jahre deutsche Einheit vom Schachverband Württemberg, vom Badischen Schachverband, der Schachstiftung GK und der Stiftung Kinderschach in Deutschland.

Nachfolgend haben wir die Veranstaltungen vom 2. und 3. Oktober für Sie zusammengefasst.

Programm "Schach und deutsche Einheit"

Plakat der Veranstaltung
  • 02.10. 10:00 Uhr, Altes Rathaus Plochingen (Am Markt 1, 73207 Plochingen) Weltrekordversuch im Schnellschach-Blindsimultan mit FM Marc Lang
  • 02.10. 17:00 Uhr, Evangelisches Gemeindehaus (Hermannstr. 30, 73207 Plochingen) Podiumsdiskussion "Der Einfluss von Schach auf die frühkindliche Bildung und auf die Entwicklung junger Persönlichkeiten" mit Prof. Dr. Laura Martignon (Bildungsforschung), Dr. Reinhard Löffler (MdL), Prof. Dr. Thomas Brockmeier (IHK Halle), Wolfgang Grenke (Gründer von Grenke Leasing AG)
  • 03.10. 10:00 Uhr, Stadthalle Plochingen (Hermannstr. 25, 73207 Plochingen) Uhrenhandicap: GM Artur Jussupow und WGM Ketino Kachiani-Gersinska spielen gegen 24 Jugendliche des Talent-/Landeskader Baden-Württemberg
    Simultanturnier: Vier Deutsche Meister (GM Lutz Espig, IM Manfred Glienke, WGM Barbara Hund, WIM Gundula Heinatz) spielen gegen 4 x 10 Schachspieler
    Jugend-Turnier (Regio-Cup)

Weltrekordversuch im Schnellschach-Blindsimultan

Auftakt der Feierlichkeiten war der Versuch von Marc Lang (FIDE-Meister, DWZ 2267), seinen eigenen Weltrekord im Schnellschach-Blindsimultan zu überbieten. Der seit 2021 für die Schachfreunde Plochingen startende 52-Jährige hatte diesen am 30. Juni 2019 aufgestellt, als er gegen 15 Pfälzer Schachfreunde in Annweiler 14½ Punkte erreichte.
Reichlich dreieinhalb Jahre später hatte er sich noch einen Gegner mehr zurechtgelegt und als Maß für die Weltrekordanerkennung mindestens 8½ Punkte als Ziel gesetzt. Es wurden am Ende 12½ Punkte. Lang gab fünf Unentschieden ab und verlor nur eine Partie. Dabei ließ er sich auch nicht dadurch aus der Ruhe bringen, das sein PC nach wenigen Zügen die Arbeit verweigerte. Nach einer halben Stunde Unterbrechung ging es mit einem Ersatz-Computer weiter.

RegioTV am 4. Oktober

Bericht von der Podiumsdiskussion

Thomas Weischede (links), der Vorsitzende der ELG, übergibt dem sichtlich gerührten Artur Jussupow den Viktor für seine Verdienste ums Schach

Von Dr. Gerhard Köhler

Aus Anlass 75 Jahre Schachclub in Plochingen fand auf Initiative des Schachverbandes Württemberg, des Badischen Schachverbandes und der Schachstiftung GK in Kooperation mit der Emanuel Lasker Gesellschaft und dem Verein Kinderschach in Deutschland am 2. Oktober 2022 eine prominent besetzte Podiumsdiskussion zum Thema „Der Einfluss von Schach auf die früh-kindliche Bildung und auf die Entwicklung junger Persönlichkeiten“ statt. Nach den Grußworten von Dr. Gert Keller (Schachfreunde Plochingen), des Präsidenten des Landesverbandes Württemberg Dr. Carsten Karthaus und des Plochinger Bürgermeisters Frank Buß ehrte Thomas Weischede, Vorstand der Laskergesellschaft Artur Jussupow mit dem Viktor 2022 für seine schachsportlichen Leistungen und insbesondere für die zahlreichen Lehrbücher, die er geschrieben und die Kinder, die er über seine Schachschule ausgebildet hat. Im Anschluss stellte Dr. Gerhard Köhler die Erfahrungen mit dem Projekt Kinderschach in Deutschland vor. Das Ziel besteht darin, den Kindern ab 4 Jahren über die Erzieher(innen) in den Kitas die Grundzüge des Schachs zu vermitteln. Damit werden Kinder gerade auch aus sozial schwierigen Verhältnissen gefördert, was für eine positive gesellschaftliche Entwicklung von besonderer Bedeutung ist.

Der Moderator Prof. Dr. Thomas Brockmeier (Hauptgeschäftsführer der IHK Halle-Dessau und Honorar-Professor für Volkswirtschaftslehre an der Martin-Luther-Universität Halle/Saale) stellte eingangs drei Diskussionsthemen in den Raum:

  1. Was fasziniert sie am Schach?
  2. Hat Schach ihre Berufswahl beeinflusst?
  3. Hat Schach Einfluss auf die Gesellschaft (Zusammenhalt, Fortschritt, Gemeinwohl)?

Prof. Dr. Laura Martignon (Bildungsforschung)

Sie war Gründungsmitglied des von Gerd Gigerenzer geleiteten ABC-Zentrums (Zentrum für Adaptives Verhalten und Kognition) innerhalb der Max-Planck- Gesellschaft, zunächst in München und später in Berlin. Ihre Haupttätigkeit ist die mathematische Modellierung in den angewandten Wissenschaften und die Ausbildung zukünftiger Mathematiklehrer. Dabei hat sie sich auch intensiv auf didaktische Themen für die Mathematik der Grundschule konzentriert. Nach Martignon spielen "Muster" im Leben eine große Rolle und eben auch im Schach. Kinder lernen früh solche Muster - eben auch im Kindergarten. Nach Martignon lernt man durch Schach Entscheidungen in Risikosituationen zu treffen. „Wer wagt gewinnt!“ Die soziale Integration wird erleichtert. Das erste Koordinatensystem 8 mal 8, zählen und bewerten von Figuren wird gelernt. Das spielerische Erlernen solcher (Schach-)Muster hat viele positive Wirkungen (für die Entwicklung junger Persönlichkeiten), wahrscheinlich eben auch für die spätere Schule (z.B. Konzentrationsfähigkeit). Frau Martignon plädiert dafür, die Studenten der Pädagogischen Hochschulen auszubilden, um Kindern Schach im späteren Berufsleben zu vermitteln.

Dr. Reinhard Löffler (MdL) Politik

Rechtsanwalt in Stuttgart, Syndikus und Direktor der IBM Deutschland, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg

Zitat:

Bildung ist alles. Daher setze ich mich für die beste Bildung für unsere Kinder und Enkelkinder ein.

Reinhard Löffler spielt jeden Tag 30 Minuten Schach. Das macht den Kopf frei, ermöglicht Kommunikation zwischen Alt und Jung und baut soziale Barrieren ab. Nach Löffler lernt man durch Schach die Herangehensweise bei Problemen im Informationszeitalter und der Informationsflut, wie gehe ich damit um. Durch Problembewußtsein und Analytik, Ausdauer, Hartnäckigkeit, Zähigkeit und den intellektuellen Kampf lernt man die Herausforderungen des Lebens und Niederlagen zu meistern.

Wolfgang Grenke (Gründer von Grenke Leasing AG) Wirtschaft

Er ist Gründer, Hauptaktionär und ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Finanzdienstleisters Grenke AG sowie Präsident des baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertags. Wolfgang Grenke ist als BWIHK-Präsident erstes Gesicht und die Stimme für 650.000 Mitgliedsbetriebe der IHK-Organisation im Land. Als Vizepräsident Eurochambres, der europäischen IHK-Dachorganisation, vertritt er die Interessen der Südwestwirtschaft ebenso auf europäischer Ebene. Für Grenke sind Entscheidungen unter Druck, was bei Schach vermittelt wird, das Irren und den richtigen Weg finden faszinierend. Schach ist durch die Regelgebundenheit unbestechlich.

Dr. Carsten Karthaus (Präsident Schachverband Württemberg), Dr. Gerhard Köhler (Präsident Kinderschach in Deutschland), Dr. Thomas Weischede (Vorsitzender der Emanuel Lasker Gesellschaft) und Dr. Gert Keller (Schachfreunde Plochingen)

Der Moderator hob abschließend einige aus seiner Sicht bedeutsame Eigenschaften und Vorzüge des Schachspiels hervor:

Durch die Verbindung scheinbar gegensätzlicher Aspekte wie etwa

  • Strategie UND Taktik
  • Logik UND Kreativität
  • Gedächtnis UND Vorstellungskraft
  • Rationalität UND Emotionalität

sei Schach wie kaum ein anderes Spiel oder Denksport dazu geeignet, insbesondere die Fähigkeit zum vernetzten Denken zu fördern. Zudem unterstrich Prof. Brockmeier noch einmal die von mehreren Diskussionsteilnehmern erwähnten gesellschaftspolitisch relevanten Vorteile des Schachspiels: Aufgrund seiner Internationalität helfe es beispielsweise, Sprachbarrieren zu überwinden. Da Schach darüber hinaus keiner materiellen oder auch körperliche Voraussetzungen bedürfe und insoweit keinerlei „exklusiven“ Charakter habe, verfüge es über hohes Integrations- und Inklusionspotential. Wegen seiner Regelgebundenheit und klaren Beschränkung auf eine „Eins-gegen-Eins-Auseinandersetzung“ sei das Schachspiel in Ablauf und Ergebnis stets fair und ehrlich; bei einer Niederlage gebe es keine Ausreden: Der Bessere gewinnt. Die damit verbundenen Potentiale der Charakter- und Persönlichkeitsbildung seien desto größer, je früher man mit dem Schachspielen beginne. Insoweit käme dem Schach gerade mit Blick auf die frühkindliche Bildung enorme Bedeutung zu, so Brockmeier abschließend.

Am Tag der Deutschen Einheit wurden zahlreiche ehrenamtliche Funktionäre geehrt und Simultankämpfe durchgeführt. In der gut besuchten Stadthalle der Stadt Plochingen schauten zahlreiche Gäste zu. FM Laszlo Mihok und WGM Ketino Kachiani-Gersinska spielten gegen den Nachwuchskader. Die DDR-Meisterin Dr. Gundula Heinatz (Bad Blankenburg 1990), die BRD-Meisterin Barbara Hund (1978, 1980 und 1982) und der BRD-Meister Dr. Manfred Glienke (1982 Bad Neuenahr) spielten gegen Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Der DDR-Meister Lutz Espig (1969, 1971 und 1988) konnte krankheitsbedingt nicht teilnehmen.

Die Veranstaltungen werden als Auftakt genutzt, um das Projekt „Kinderschach in Deutschland“ vorzustellen. Die beteiligten Vereine, Verbände und Politiker wollen „rund um Plochingen“ ein Pilotprojekt als Modellregion für eine flächendeckende Umsetzung in Baden-Württemberg starten.

Podiumsdiskussion

Interviews

Laszlo Mihok

Prof. Dr. Laura Martignon

Dr. Reinhard Löffler

Dmitrij Kollars

Ketino Kachiani-Gersinska

Gundula Heinatz

Wolfgang Grenke

Dr. Manfred Glienke

Simultan-Wettkämpfe und Ehrungen

Von Karlheinz Vogel (redaktionell bearbeitet und gekürzt)

Der 3. Oktober startete mit Begrüßung und Ehrungen in der Plochinger Stadthalle. Im Anschluss folgten parallel sechs Simultanvorstellungen: Nationalspieler Dmitrij Kollars und Kaderlandestrainerin Ketino Kachiani-Gersinska spielten mit nur einer Stunde auf der Uhr gegen ihre Gegner, die auch eine Stunde Zeit hatten. Des Weiteren wurden die früheren Deutschen Meister Barbara Hund, Dr. Gundula Heinatz und Dr. Manfred Glienke von je zehn Gegnern herausgefordert. Im sechsten Simultanturnier vertrat László Mihók den kurzfristig erkrankten ehemaligen DDR-Meister Lutz Espig.

Die Meister gaben sich fast keine Blöße: Kollars bzw. Kachiani-Gersinska gewannen alle 12 bzw. 14 Partien. Auch die ehemaligen Meister schlugen sich sehr achtbar: von 48 Partien gaben sie fünf remis, verloren nur zwei und gewannen die restlichen 41 Partien. Aber viel wichtiger als gewinnen oder verlieren war der Spaß, den alle dabei hatten.

In zwei Jugendturnieren (U14-20 und U8-12) wurden in fünf Runden Schweizer System mit Bedenkzeit 15+0 die Preisträger ausgespielt. Im Turnier der Jüngeren gab es 16 Teilnehmer, bei den Älteren 22. Der erst 12-jährige Eduard Rau holte sich in der U14-20 mit 4½ Punkten den ersten Platz. Bei den Jüngeren siegte Arian Hasanovic mit ebenfalls 4½ Punkten.

Impressionen

Berichte beim Schachverband Württemberg: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4

Einleitungstext, Lang-Simultan, Regio-Cup: Redaktion

// Archiv: DSB-Nachrichten - DSB // ID 11079

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