Reinhold Hoffmann ist tot

26.07.2006 21:33

Trauer um Reinhold Hoffmann (73)Als ich am 27.Juni meinen Anrufbeantworter abhörte, erfuhr ich, dass ein mir sehr nahe stehender Freund seinen letzten Kampf verloren hat. Nur wenige Tage zuvor hat Reinhold Hoffmann sich von mir am Telefon verabschiedet. Er wollte keinen Besuch mehr, es würde ihn zu sehr aufwühlen. Seit etwa 1993 kämpfte er mit immer wieder neuen Chemotherapien gegen eine lymphatische Leukämie, die ihn am Ende doch besiegte.

Der saarländische, der deutsche und auch der internationale Schachsport hat mit Reinhold Hoffmann eine seiner herausragenden Persönlichkeiten verloren. Er wirkte mehr im Verborgenen, nicht immer unumstritten, aber stets getrieben von der Liebe zum königlichen Spiel, der Suche nach Schönheit und umgeben von treuen Freunden aus aller Welt.

Seit ich Reinhold 1966 als Leiter einer Schulschachgruppe in Völklingen kennen lernte
, verband uns eine stets wachsende Freundschaft. Mein bester Schulfreund hatte mich zum Mitkommen überredet, und damals konnte ich wahrlich nicht ahnen, wie entscheidend das für mein ganzes Leben sein würde. Wenn man erst einmal in Reinholds Bannkreis geraten war, gab es kein Entkommen mehr. Bald trafen wir uns wöchentlich zu einer Trainingssitzung im Rahmen eines VHS-Kurses. Halbjährlich musste ich 10 Unterschriften besorgen, damit der Kurs von der VHS finanziert wurde. Allzu oft arbeiteten wir dann aber zu zweit, und gelegentlich kam Reinhold mit Verspätung, aber er kam immer. Manche Trainingsthemen sind mir noch heute in Erinnerung, so eindringlich wurden sie besprochen, sei es das dominante Läuferpaar, das eine Qualität kompensierte (Partie Both - Hoffmann), sei es die Ausnutzung der offenen c-Linie (Aljechin –Yates), sei es ein Treppenmanöver (Dückstein-Andersson) oder die lange Diagonale a1-h8 (Aljechin-Winter).

Der sehr bekannte Problemkomponist Dr. Hilmar Ebert ist auch aus dieser Schulschach-AG hervorgegangen. Reinhold verstand es, zu begeistern. Damals führte er den Schachclub in Völklingen-Wehrden, der heute nicht mehr existiert, und organisierte 1968 die Deutsche Jugendeinzelmeisterschaft in Saarbrücken. Später arbeitete er u..a. als Pressewart für den Saarländischen Schachverband. Wenn ich ein Turnier spielte wie z.B. das Juniorenturnier in Bad Pyrmont 1969 standen wir immer in telefonischer Verbindung, was damals noch etwas umständlicher war als heute. Als ich 1976 mit dem Gewinn des Dähne-Pokals aus Berlin zurückkam, stand Reinhold schon bereit, um mit mir zum Saarländischen Rundfunk in die laufende Sendung zu fahren. Die Zeit war so knapp, dass auch rote Ampeln ihn nicht aufhalten konnten.

Anfang der siebziger Jahre organisierte Reinhold öfter Reisen für den Saarländischen Schachverband, z.B. nach Paris, Bremen, Aarhus oder Meran. Beruflich war er damals tätig bei der Völklinger Hütte (Röchling), wo auch eine Betriebssportgruppe existierte. Er hatte eine Drogistenlehre abgeschlossen, lernte Laborant und machte eine kaufmännische Lehre. Die goldenen Zeiten für den saarländischen Schachsport waren im Abklingen begriffen.

Bekanntlich hat das Saarland in den fünfziger Jahren wegen seiner politischen Eigenständigkeit an den Schacholympiaden in Helsinki (1952), Amsterdam (1954) und Moskau (1956) teilgenommen. In Amsterdam wurde sensationell Jugoslawien besiegt. Anderseits bewirkte der WM-Titel von Bobby Fischer (1972 in Reykjavik) einen ganz neuen Boom, in dessen Folge unzählige Open-Turniere veranstaltet wurden. Die wirtschaftliche Krise im Saarland ermöglichte es Reinhold Hoffmann, etwa Mitte der achtziger Jahre in Frührente zu gehen. Schon vorher hatte er den entstehenden Schachboom vorhergesehen und das wahrscheinlich weltweit erste "Schachreisebüro" (Hoffmann-Reisen) gegründet, das für ihn zum zweiten Standbein wurde. Heute existiert das ehemalige Schachreisebüro als Firma ChessOrg unter der Führung von Jürgen Wempe weiter.

Die Hoffmann-Turniere hatten stets etwas Besonderes zu bieten, seien es die Austragung an den schönsten Flecken Europas oder die Kombination von Schach und Skifahren in Nesselwang. Reinhold hat als Organisator und Internationaler Schiedsrichter Unschätzbares geleistet. Herausragend sind die Großmeisterturniere 1981 und 1985 in Baden-Baden. Das GM-Turnier 1981 fand weltweite Aufmerksamkeit durch die Teilnahme von Viktor Kortschnoj kurz vor seinen dritten WM-Kampf gegen Anatoli Karpow. Reinholds wichtigste Leistung war die zwölfmalige Ausrichtung der Seniorenweltmeisterschaften, die ohne ihn nicht die heutige Bedeutung erlangt hätten. Auch in diesem Bereich hat er Pionierarbeit geleistet.

Eine von Reinholds Triebfedern war stets die Suche nach ästhetischen Elementen. Diese suchte er nicht nur im Schachspiel, sondern auch in der Lyrik und vor allem in der Musik. Er hat seinen engeren Freunden zwei von ihm verfasste Lyrikbände geschenkt, die viel über die Tragik seines Lebens verraten. So verfasste er Kindergedichte für seine über alles geliebte Tochter Susanne (sein einziges Kind) und verriet mit düsteren Stücken die tiefe Trauer, die in ihm steckte.

Vielleicht rührte diese Trauer daher, dass Reinhold wegen seiner Herkunft nicht die Möglichkeit hatte, alle die in ihm schlummernden Talente zur Vollendung zu führen. Sein Vater fiel im Krieg und hinterließ als wichtigste Erinnerung das Schachspielen. Reinhold erlernte es 1944 als Zwölfjähriger, als der Vater schon an der Front war. Es  begleitete ihn bis zu seinem Lebensende. Reinhold verriet mir einmal, dass er gerne Arzt geworden wäre, doch konnte seine Mutter ihm nicht die Ausbildung finanzieren. Die Fähigkeiten dazu hätte er sicherlich gehabt.

Die eigenen, unerfüllten Träume haben dazu beigetragen, dass Reinhold Hoffmann sich für Musiktalente besonders eingesetzt hat. In Uhrmachers Haus in Püttlingen-Köllerbach fanden über 10 Jahre hinweg Adventskonzerte vor geladenen Gästen statt. Bekannte Künstler traten ohne Gage auf und der Eintritt war frei. Auch Großmeister Mark Taimanow trat auf. In den Pausen wurde für wohltätige Zwecke mit Erfolg gesammelt. Bei so vielen Tätigkeiten im Dienste der Allgemeinheit verwundert es nicht, dass Reinhold Hoffmann am 16.3.1998 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Püttlinger Rathaus geehrt wurde.

Mit Reinhold Hoffmann ist ein glühender Verehrer gegangen, der die überwältigende Tradition des Schachspiels und seine innewohnenden Schönheiten noch voll begriffen und gelebt hat. Wird in heutiger Zeit zu Recht der immer mehr um sich greifende Pragmatismus bemängelt und sich dagegen gewehrt, den Schachsport immer mehr in den Vordergrund zu stellen, dann möchte ich auf Reinhold Hoffmann hinweisen, der das gesellschaftliche Erleben mit dem Schachspielen auf großartige Weise verbunden hat. Die Teilnehmer der Deutschen Einzelmeisterschaft 2002 in Saarbrücken werden sich an das musikalische Abendprogramm anlässlich der Siegerehrung erinnern, das von Reinhold Hoffmann geplant und organisiert wurde.

Viele Freunde aus ganz Deutschland
haben wie Rolf Miesner aus Enger Reinhold am 29.Juni in Püttlingen die letzte Ehre erwiesen. Jürgen Raphael von den Schachfreunden Wadgassen-Differten – Reinholds letzter Schachverein – hat seine Verdienste mit besonders treffenden und einfühlsamen Worten am Grab geehrt. Reinholds Wirken hat international Spuren hinterlassen, und ich wünsche mir, dass meine persönlichen Erinnerungen dazu beitragen, sich an den Menschen Reinhold Hoffmann mit seinen vielen, auch widersprüchlichen Facetten zu erinnern, an einen Menschen, der das Schachspiel außerordentlich geliebt und als ständigen Begleiter in seinem Herzen mitgetragen hat.

Herbert Bastian

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