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XIV. Deutsche Meisterschaft des DSV in Magdeburg 1964

Die neuen deutschen Meister: Wolfgang Uhlmann und Gabriele Ortlepp

Die Magdeburger "Volksstimme" vom 27. Januar bringt nur eine bescheidene Ankündigung. Kein Plakat lockt Neugierige, sich das Spiel der stärksten Schachmeister der DDR einmal anzuschauen. Eine Viertelstunde noch fehlt bis zum Beginn der ersten Runde. Im großen Saal des Klubhauses der BSG Aufbau Börde sind die Vorbereitungsarbeiten beendet. Edmund Grygas, der unermüdliche Inspizient der Veranstaltung, gab sich seiner Aufgabe mit unbeschreiblicher Genauigkeit hin. Auf den Zentimeter genau sind Uhren, Bretter und Figuren ausgerichtet. Zehn Tische werden von einem Seilrechteck eingefaßt, um eine aufdringliche Belagerung der Bretter durch analysierfreudige Kiebitze auszuschließen.

Aber wo sind sie, die Kiebitze? Ein halbes Dutzend schlendert gemächlich auf und ab. Sie lesen die Namenschilder, wägen ab, welche Paarung wohl die reizvollste sein mag. Durch hohe Fenster an den Schmalseiten fällt viel Tageslicht in den Raum. Es spiegelt sich auf dem blanken Parkett. Die Stirnseite nimmt eine Bühne ein. Im Hintergrund spannt sich die Fahne des Deutschen Schachverbandes. Der Flügel auf dem Podium erinnert an die gestrige Eröffnungsfeier. Eine Händel-Sonate war der Auftakt. Namhafte Persönlichkeiten aus der Elbestadt waren erschienen, an ihrer Spitze Magdeburgs Oberbürgermeister Sonneberg, der die Schirmherrschaft über die Meisterschaft übernahm. Es sprachen Vertreter des größten Schwermaschinenbaubetriebes der Republik, des Bezirksfachausschusses, des Kreisvorstandes des DTSB und anderer Organisationen, und alle erfüllte ein nur zaghaft ausgesprochener Stolz, am Zustandekommen der Meisterschaft in ihrer Stadt beteiligt gewesen zu sein. Dann nahm der Generalsekretär des DSV das Wort. Er wies noch einmal auf die Bedeutung dieses Finales für die bevorstehenden großen internationalen Wettkämpfe hin. Er eröffnete die XIV. Deutsche Meisterschaft in dem Hoffen, daß sie faire und kampferfüllte Partien bringen möge. Die Europa-Mannschaftsmeisterschaft in Ungarn, der Länderkampf gegen die Belorussische SSR in Minsk und das schachliche Ereignis des Jahres, die Olympiade in Tel Aviv, waren genannt. Die Gedanken der Aktiven kreisten um den Wunsch, auf der Meisterschaft gute Leistungen zu bringen, um bei diesen schweren, ehrenvollen Wettkämpfen dabeizusein.

Pl. Spieler 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2 3 4 5 6 7 8 Pkt.
1. Wolfgang Uhlmann x ½ 0 ½ ½ ½ ½ 1 1 1 1 1 1 1 1 ½ 1 1 13,0
2. Heinz Liebert ½ x ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ 1 1 1 ½ 1 1 1 1 ½ 12,5
3. Werner Golz 1 ½ x 1 ½ 1 ½ 0 ½ ½ 1 ½ 1 ½ ½ 1 1 ½ 11,5
4. Burkhard Malich ½ ½ 0 x ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ ½ 1 1 1 1 1 1 11,5
5. Siegfried Mühlberg ½ ½ ½ ½ x 1 ½ 0 1 ½ 1 1 1 ½ 0 1 ½ 1 11,0
6. Jürgen Mädler ½ ½ 0 ½ 0 x 1 ½ ½ ½ ½ ½ 1 1 1 1 1 1 11,0
7. Reinhart Fuchs ½ ½ ½ ½ ½ 0 x ½ ½ 1 ½ ½ 0 1 1 ½ 1 1 10,0
8. Günther Möhring 0 0 1 ½ 1 ½ ½ x 1 0 0 0 1 ½ ½ 1 1 1 9,5
9. Friedrich Baumbach 0 ½ ½ ½ 0 ½ ½ 0 x ½ ½ 1 ½ ½ 1 1 1 ½ 9,0
10. Lothar Zinn 0 0 ½ 0 ½ ½ 0 1 ½ x 0 1 0 1 1 1 1 1 9,0
11. Detlef Neukirch 0 0 0 ½ 0 ½ ½ 1 ½ 1 x ½ 0 1 ½ ½ ½ 1 8,0
12. Ullrich Brümmer 0 0 ½ ½ 0 ½ ½ 1 0 0 ½ x ½ ½ ½ ½ 0 ½ 6,0
13. Bodo Starck 0 ½ 0 0 0 0 1 0 ½ 1 1 ½ x 0 1 ½ 0 0 6,0
14. Gerhard Schmidt 0 0 ½ 0 ½ 0 0 ½ ½ 0 0 ½ 1 x ½ ½ 1 ½ 6,0
15. Uwe Küttner 0 0 ½ 0 1 0 0 ½ 0 0 ½ ½ 0 ½ x 0 ½ 1 5,0
16. Reinhard Postler ½ 0 0 0 0 0 ½ 0 0 0 ½ ½ ½ ½ 1 x ½ ½ 5,0
17. Lutz Wehnert 0 0 0 0 ½ 0 0 0 0 0 ½ 1 1 0 ½ ½ x 1 5,0
18. Franz Stahl 0 ½ ½ 0 0 0 0 0 ½ 0 0 ½ 1 ½ 0 ½ 0 x 4,0

Doch jetzt, wenige Minuten vor dem ersten Zug, werden diese tragenden Gedanken zurückgestellt. Das Unmittelbare, die Partie allein bewegt die Teilnehmer. Sie sind alle eine Etage höher in kleinen Zimmern untergebracht. Mancher wirft noch schnell einen Blick ins Theoriebuch. Keiner möchte einen schlechten Start erwischen.

Der amtierende Schiedsrichter Kurt Maulhardt blickt auf die Uhr. Bemerkenswert gut hat er sich in die plötzlich übernommene Funktion eingeführt, nachdem der vorgesehene Hauptschiedsrichter, Dieter Lentschu, Berlin, kurzfristig absagen mußte. Die "Feuertaufe" bestand er bereits gestern, als er das umstrittene Problem des von der Technischen Kommission vorgeschlagenen Auslosungsmodus durch einen befriedigenden Kompromiß sicher löste. Nun eilt er von Tisch zu Tisch und setzt die Uhren in Gang. Weiß ist am Zug.

Kämpferischer Auftakt

Die erste Runde bereits gestaltete sich zu einem Höhepunkt des Turniers. Sie diente nicht - wie es so Brauch ist - dem behutsamen Abtasten, dem gemächlichen Einspielen. Ungeachtet des fernen Ziels wurde der Gegner schonungslos gefordert, und diese sprudelnde Lebendigkeit, dieser Drang nach Aktivität übertrug sich auf die folgenden Runden und gab der Meisterschaft eine wertvolle Prägung. Schon nach wenigen Zügen konnte man kampfbetonte Stellungsbilder registrieren. Man richtete sich nicht nach der neuesten Mode. Riskante, zum Teil auch stark verstaubte Systeme, herausgekramt und frisiert, sollten den Gegner überraschen.

So wählte Möhring gegen Liebert, der sich Nimzowitsch-Indisch verteidigte, das zweischneidige 4. f3. Mädler zog gegen Mühlberg seinen sonstigen Gepflogenheiten entgegen 1. e4; doch noch verblüffender für alle kam die Antwort 1. ... e6, und als Clou servierte Mühlberg den verpönten Guimard-Zug 3. ... Sc6 und weitere erstaunliche Fortsetzungen. Mädler jedenfalls ließ sich überrumpeln, während Liebert den Titelverteidiger Möhring klar beherrschte und im guten Stil gewann. Baumbach wollte Starcks Kenntnisse in der alten Noteboom-Variante überprüfen, und Fuchs hatte die schärfste Partieanlage gegen den jungen Postler auserkoren. Beide Partien endeten nach bewegtem Kampfgeschehen remis.

Uhlmanns Spielführung gegen Küttner hinterließ einen starken Eindruck. Aber auch Liebert ließ erkennen, daß er in ausgezeichneter Form ist. "Es war ein guter Start", meinte Trainer Arno Otto.

Wer bremst Liebert?

Es war die bange Frage im Kreis der Mitfavoriten. Durch weitere Siege über Neukirch, Zinn, Küttner und Brümmer hatte der Hallenser nach sieben Runden 6 Punkte erzielt. Seine Sicherheit im Spiel wirkte auf die Verfolger recht beunruhigend. Golz hatte jedoch schwierigere Hürden zu nehmen. Nach der Gewinnpartie gegen Mädler besiegte er Malich und in einem neunstündigen Positionskampf Uhlmann. Auch gegen den zu ehrgeizig spielenden Neukirch gelang ihm ein voller Erfolg, so daß er dem Spitzenreiter um ein Remisresultat auf den Fersen blieb. Mädler ließ sich durch die beiden Verluste mit Weiß nicht aus der Fassung bringen. Begünstigt durch ein grobes Verrechnen seitens Fuchs war er mit den schwarzen Steinen um so erfolgreicher. Zusammen mit Baumbach, der ganz unauffällig seine Punkte sammelte, erreichte er 5 Zähler.

Uhlmann und Malich (je 4½ Pkt.) waren infolge der Niederlagen gegen Golz zurückgefallen. Mit je 4 Punkten lagen Möhring, Zinn und Fuchs noch gut im Rennen: Sie mußten bisher zwei Verluste hinnehmen. Durch den frevelhaftesten Bauerngewinn des Turniers blieb Mühlberg in der 7. Bunde auf 3½ Pkt. sitzen.

Neukirch mit 3 Pkt. führte die Gruppe an, die weniger als 50 Prozent der Punkte erzielte: Stahl, Wehnert, Brümmer, Küttner, Schmidt und Starck. Letzterer bot für alle die größte Überraschung, als er nach zwei Startremisen fünf Partien hintereinander verlor, zuletzt gegen Möhring, der den Berliner in einem gleichstehenden Doppelläuferendspiel durch 8stündiges Lavieren schließlich im 105. Zug zur Aufgabe zwang. Diese Partie war mit 13 Stunden auch die zeitlich längste des Turniers.

Zuviel Bewerber

In dieser Phase, die die Runden 8 bis 12 umfaßte, hatte sich das Tempo in der Spitzenposition verlangsamt. Liebert konnte lediglich Brümmer besiegen, vier Partien endeten remis. Golz brachte es sogar auf fünf Unentschieden. Dieses Nachlassen nutzten die Verfolger durch einen Zwischenspurt aus. Mit drei Siegen kam Uhlmann auf 8½ Punkte und schob sich an die zweite Position. Möhring setzte seine Siegesserie fort und lag nun gemeinsam mit Malich, Mädler und Golz einen halben Punkt dahinter. Dieselbe winzige Differenz trennte diese vier auch von den Nachfolgenden, Fuchs und Baumbach. Diese Phase war für Fuchs die erfolgreichste, während sich in Baumbachs Partien bereits eine gewisse Unsicherheit verbreitete. Mit einem schon fast legendären Figurenopfer in der Tschigorin-Verteidigung des Damengambits konnte Mühlberg dem Berliner die erste Niederlage beibringen und sein Konto auf 7 Punkte erhöhen. Die neun Genannten besaßen nun reelle Aussichten, die begehrten ersten sechs Plätze zu belegen, die die Teilnahmeberechtigung für die XV. Deutsche Meisterschaft garantieren. Ein ungewöhnlich breites Feld von Reflektanten. Drei müssen ausfallen. Wer wird es sein?

Zwei weitere Niederlagen hatten Zinn viel an Boden geraubt. In Anbetracht der noch bevorstehenden Gegner dürfte er seine Position kaum verbessern können. Neukirch behielt mit 5½ Punkten weiterhin den 11. Platz. Ihm folgte mit einem Punkt Abstand der aufkommende Starck. Energisch hatte er sich durch drei Siege nacheinander von der letzten Position gelöst. Sein Ziel ist der 12. Rang, der noch die Vorberechtigung fürs Dreiviertelfinale sichert. Aber auch hierfür gab es mehrere Bewerber: Postler, der Uhlmann ein Remis abtrotzte, Brümmer (beide je 4 Punkte) sowie Schmidt (3½ Punkte). Die Neulinge Küttner und Wehnert konnten sich nur um einen halben Punkt verbessern, während Stahl in ununterbrochener Folge bereits den siebenten Verlust quittieren mußte.

Uhlmanns Endspurt

Aus den Kämpfen der letzten fünf Runden verdient vor allem eine Tat - es war schon eine Großtat - hervorgehoben zu werden, und das war der energische Angriff Großmeister Uhlmanns auf den ständig führenden Liebert. Nach einem Remis gegen Malich war ihm der Hallenser durch einen leichten Sieg über Postler bereits um einen Punkt vorausgeeilt. Seitdem sah man Uhlmann nur noch siegen. Möhring, Baumbach, Neukirch, Zinn - das waren die Stufen, über die Uhlmann sich zum Siegerpodest hochkämpfte. Dieser grandiose Endspurt war den Meistertitel wert. Lieberts Kräfte hatten nachgelassen. Gegen Stahl, der acht Partien nacheinander verloren hatte, reichte es nur zum Unentschieden. Mädler und Malich waren die letzten Gegner, und so riskierte er nichts mehr; der ehrenvolle Triumph eines ungeschlagenen Vizemeisters war ihm nicht mehr zu nehmen.

Um so dramatischer spitzte sich der Kampf um die Plätze 3 bis 6 zu. Malich war anfangs gegen Neukirch und Zinn unsicher geworden, aber es sprangen noch 1½ Punkte heraus, und als er Küttner darauf klar überspielt hatte, war ihm eine gute Plazierung gesichert. Im richtigen Moment gelang es Golz, seine Remisserie zu stoppen. Mit zwei ansprechenden Gewinnpartien gegen Starck und Postler eroberte er auf Grund der besseren Wertung den 3. Platz. Hinsichtlich seiner schwächeren Gegnerschaft traute man Mühlberg am ehesten einen Sprung ganz nach vorn zu. Aber daraus wurde ihm ein Drahtseil gedreht, auf dem er jonglieren und balancieren mußte. Postler zeigte sich noch willig, doch gegen Stahl war er dem Absturz allzu nahe. Er konnte sich wieder fangen, er siegte sogar. Gegen Wehnert war er mit den weißen Steinen zu passiv (wie Mühlberg überhaupt mit Weiß nur einen Sieg bei sieben Remisen errang) und kam über ein Unentschieden nicht hinaus. Mit dem 5. Rang erreichte Mühlberg erneut einen Platz im vorderen Drittel. Er zeigte sich in der Partieanlage verbessert, ohne jedoch groß von seinem zweifellos originellen Stil abzuweichen. Mädler besiegte nur noch Küttner, aber das reichte für den begehrten 6. Platz. In seinem Spiel mußte man seine Ausdauer bewundern, denn oft geriet er in Bedrängnis, aus der er aber alle Chancen wahrnahm, die ihm die Gegner boten.

Fuchs blieb auf dem unglücklichen 7. Platz zurück, als er in der Schlußrunde gegen Starck wenig Widerstand leistete und verlor. Es möge ihm ein Trost sein, daß Uhlmann dieses Mißgeschick im Vorjahr widerfuhr. Titelverteidiger Möhring geriet gegen Ende des Turniers in eine ausgedehnte Krise. In der 13. Runde besaß er schon 9 Punkte, und am Schluß war nur noch ein halber hinzugekommen. Seine Gewohnheit, remisschwangere Endspiele durch geduldiges Ausharren gewinnen zu wollen, wurde ihm gegen Neukirch zum Verhängnis. Wie schon auf der vergangenen Meisterschaft, trat bei Baumbach im Schlußdrittel ein erheblicher Konditionsmangel auf. Er mußte noch zwei Niederlagen quittieren und fiel schon frühzeitig aus dem Bewerberkreis heraus. Berufliche Belastungen hemmten Zinn, seinen großen Trumpf, die Geschicklichkeit in der Vorausberechnung, auszuspielen. Schließlich befiel ihn dazu noch eine Krankheit, die den Kampfgeist völlig brach. Neukirch erkämpfte noch 2½ Punkte und distanzierte sich gänzlich von den Nachfolgenden. Wie stets schlug er eine scharfe Klinge, und sein Abschneiden ist ein guter Erfolg.

Schlußstellung Postler - Schmidt. Die Beiden wichen nur selten von der Symmetrie ab.
Schlußstellung Postler - Schmidt. Die Beiden wichen nur selten von der Symmetrie ab.

Das Ringen um den 12. Platz wurde eigentlich nur von zwei Rivalen bestritten: Brümmer und Starck. Der Leipziger hatte dabei die besseren Aussichten, strauchelte aber gegen Wehnert. Starck, der 1963 den hervorragenden 3. Platz erringen konnte, kam erst durch seinen glänzenden Sieg über Fuchs in der letzten Runde auf 6 Punkte. Doch eine hauchdünne Differenz in der qualitativen Bewertung verwehrt ihm, ohne weiteres am Dreiviertelfinale teilzunehmen. Vielen unverständlich war, warum Schmidt keine ernsthaften Anstrengungen unternahm, in den Kampf der beiden einzugreifen. Seine Aussichten waren durchaus real. Statt dessen lieferte er gegen Postler eine sinnlose Schauremise (sh. Diagramm), die nur Mißfallen erregte, und gedachte auch in der Schlußrunde nicht, dem völlig gebrochenen Stahl ein Haar zu krümmen. Die beiden anderen Dresdener Debütanten belegten die nächsten Plätze. Küttner konnte mit den schwarzen Steinen gar nicht überzeugen, während Wehnert erstaunliche Kraftreserven besaß und nur noch gegen Zinn verlor. Allgemein hatte man Postler einige Überraschungssiege zugetraut. Er gewann aber insgesamt nur gegen Küttner. Auch er hatte mit Schwarz eine traurige Bilanz. Stahl verfügte nicht über die nötige Härte, die ein solches Turnier erfordert. Allzufrüh resignierte er, und sein Widerstand wurde von Runde zu Runde geringer.

Bericht vom Frauenturnier - inkl. Bericht von den Rahmenveranstaltungen

Kathlen Dossow, Magdeburg

Werner Golz

SCHACH 3/1964, S.67-71

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