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Das Dresdner Schachheim

Die heutige Verbreitung des Schachspiels bringt es mit sich, daß über die ganze Welt hin Schachvereinigungen bestehen, die mehr oder weniger stark durch geistige Fäden miteinander verbunden sind, so daß gewissermaßen ein unsichtbares Netzwerk die Schachfreunde aller Länder und Erdteile verknüpft. An einigere Stellen dieses Netzes finden sich Knotenpunkte, die dadurch entstehen, daß besonders viele unsichtbare geistige Fäden zu ihnen hinführen, bzw. von ihnen ausgehen. Man kann nun mit Fug und Recht behaupten, daß auch Dresden einen solchen Knotenpunkt im Schachnetz der Welt bildet. Der Dresdner Schachverein ist es, der als Mittelpunkt des Dresdner Schachlebens seit über 50 Jahren die schachliche Bedeutung Dresdens zu wahren verstanden hat und erst vor zwei Jahren bei seinem Jubiläum die Augen der ganzen Schachwelt auf sich lenkte durch große internationale Schachveranstaltungen und Herausgabe einer bedeutenden Schachfestschrift in 2 Bänden, die als ein lesenswertes Dokument Dresdner Schachgeschichte allen Schachspielern unserer Heimat zum Studium empfohlen werden kann. (I. Bd. "Am sprudelnden Schachquell" von Dr. F. Palitzsch; II. Bd. "Der Schachkongreß zu Dresden 1926" von Dr. F. Palitzsch und Dr. G. Wiarda. Beide Bände im Dresdner Schachverein zum Vorzugspreis erhältlich.)

Frontansicht des Taschenbergpalais im Jahr 2006. Heute ist darin das Hotel Kempinski.
Wikipedia
Frontansicht des Taschenbergpalais im Jahr 2006. Heute ist darin das Hotel Kempinski.

Die alte, sorgsam gepflegte Schachkultur unserer Stadt hat nun seit kurzem auch äußerlich einen würdigen Mittelpunkt erhalten durch die Eröffnung eines Dresdner Schachheims, das der Dresdner Schachverein, nicht zum wenigsten durch das Verdienst seines tatkräftigen und weitblickenden Vorsitzenden Otto Krüger, im Taschenbergpalais, am Taschenberg 3, gegründet hat. Man hat den ehemaligen Gobelinsaal des Palais dazu verwandt, eine dem königlichen Spiel zukommende Stätte zu bereiten, wie sie wohl in ganz Deutschland nicht wieder zu finden sein dürfte, selbst nicht in den wenigen anderen Städten (Berlin, Hamburg, Breslau, München, die ein eigenes Schachheim besitzen).

Dresdner Schachheim, Teil des großen Spielsaals
Deutsche Schachblätter 11/1928, S. 163
Dresdner Schachheim, Teil des großen Spielsaals

Der alte vornehme Charakter des Saals ist erhalten geblieben, hat aber eine wohltuende Färbung ins Behagliche erfahren durch Ausschmückung mit Bildern und Utensilien, die seinem jetzigen Zwecke zukommen. An der Stelle des ehemaligen, kostbaren Gobelins, das dem Saal seinen Namen gegeben hat, befindet sich jetzt die in ihrer Art ebenfalls kostbare, imposante Bibliothek des Dresdner Schachvereins, aus der die Schachjünger die Fülle der Schachweisheit trinken können. Von den Wänden grüßen die Bilder bekannter und berühmter Dresdner Schachspieler, sowie auswärtiger Schachmeister, die mit dem Dresdner Schachverein in besondere Beziehung getreten sind, vielfach in künstlerisch wertvoller Form ausgeführt. Als besonderes Kleinod ist die berühmte Anderssen - Säule aufgestellt, die Anderssen der erste deutsche Weltschachmeister seiner Zeit als Siegestrophäe erhielt. Abgesehen von den in reichlicher Zahl aufgestellten, übersichtlichen Schachspielen sind in zwei gemütlichen Leseecken nicht nur Schachzeitschriften, sondern auch Tages-Zeitungen, ja sogar Lesezirkel für die Damen der Mitglieder ausgelegt. Auch für das leibliche Wohl ist durch eine gute Bewirtung zu mäßigen Preisen bestensgesorgt.

Luftbild des Taschenbergpalais (2006)
Henry Muehlpfordt / Wikipedia
Luftbild des Taschenbergpalais (2006)

Dieses eigenartige Schachheim, das täglich von 15 Uhr an geöffnet ist, stellt der Dresdner Schachverein in großzügiger Weise allen Schachspielern zur Verfügung. Nichtmitglieder haben nur den bescheidenen Betrag von 30 Pfg. - Studierende und Schüler sogar nur 20 Pfg. - als Spielgeld zu entrichten. Alle größeren Schachveranstaltungen in Dresden werden künftig im Dresdner Schachheim die ganze Dresdner Schachgemeinde versammeln. Eine offizielle Enweihung unter Mitwirkung erster Künstler (Jan Dahmen, 1. Konzertmeister der Dresdner Staatsoper, und Adolf Havlik, Konzertpianist), hat am 26.Mai um 20 Uhr stattgefunden. So kann man unschwer prophezeien, daß das Dresdner Schachleben, würdig seiner Traditionen, einen immer größeren Aufschwung nehmen wird gerade dadurch, daß es eine so glänzende Pflegstätte gefunden hat im neuen Dresdner Schachheim.

Dr. Franz Palitzsch

  • Deutsche Schachblätter 11/1928 S. 162/163

Einweihungsfeier des Dresdner Schachheims

In Anwesenheit von über 200 Personen fand am Pfingstsonnabend die Einweihung des neuen Dresdner Schachheims statt. Der Vorsitzende des Dresdner Schachvereins Otto Krüger hielt die Begrüßungsansprache, dankte Dr. Heller für die mühevollen Vorarbeiten zur heutigen Feier, Dr. Palitzsch für den anläßlich derselben gewidmeten Vierzüger und weihte das Schachheim als Stätte der Unterhaltung, Zerstreuung und Erholung, als Stätte des geistigen Sports im ernsten Turnierspiel und zur Pflege schachlicher Kunst und Wissenschaft. In dem darauffolgenden künstlerisch hochstehenden Konzert entzückte der Konzertpianist Adolf Haviik durch die vollendete Wiedergabe Chopin'scher und Balakiroff'scher Kompositionen auf einem Blüthner-Flügel. Mit Gedichten aus einem Zyklus Liebe und Lieder an eine Geige von Frau Professor Johanna Weichelt, wartete Frl. Ada Maurice auf. Sie fesselte durch klangvolle Sprache und beseelten Ausdruck. Kammervirtuos Adolf Fricke, Mitglied der Staatsoper, sprang in letzter Minute für den unvorhergesehenerweise plötzlich dienstlich verhinderten 1. Konzertmeister Jan Dahmen ein und spielte unter wohlverdientem allgemeinem Beifall, von Joseph Wagner vorzüglich begleitet, mit vollendeter Meisterschaft in Ausdruck und Technik den 1., 2. und 3. Satz des E-Moll Violinkonzerts von Mendelssohn-Bartholdy.

Vom Krieg teilweise zerstörtes Taschenbergpalais (1990)
Johann Schmaus / Wikipedia
Vom Krieg teilweise zerstörtes Taschenbergpalais (1990)

Nach Beendigung des Konzerts ergriff der Vorsitzende des Schachklubs Morphy, Breslau, Herr Dr. Epstein das Wort, überbrachte herzliche Grüße und Glückwünsche der Breslauer Schachkreise und würdigte die Verdienste Otto Krügers um die Gründung des vornehmen Dresdner Schachheims. Im Anschluß daran gelangten die eingegangenen Glückwunsch-Depeschen und Schreiben zur Verlesung, worauf in dem dafür glänzend geeigneten Spielsaal der Festball begann, der sich, in vorgerückter Stunde durch zwanglose humoristische Vorträge verschiedener Mitglieder, besonders E. Raabes, bis zum Tagesanbruch in schönster und angeregtester Weise hinzog.
So klang die glanzvolle Feier, all die zahlreichen Teilnehmer voll befriedigend, bei Sonnenaufgang am Pfingst-fest harmonisch aus.

Dr. Franz Palitzsch

  • Deutsche Schachblätter 13/1928 S. 197/198

Die historischen Artikel wurden mit aktuellen Links und Bildern ergänzt.

Schicksal des Dresdner Schachheims

Der Dresdner Schachverein und die Dresdner Schachspieler konnten sich nicht lange am wunderschönen Schachheim erfreuen. So vermeldete die Deutsche Schachzeitung im Juni 1930: "Der Dresdner Schachverein hat seine schönen Räume im Taschenberg-Palais verlassen müssen, da sie der Staat anderweitig gebraucht. Er tagt jetzt im Residenzkaffee, Johannstr., Ecke Altmarkt."

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