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London gewinnt gegen Berlin 2:1

27. Juni 2011

Dreimal fiel die Entscheidung im Schach

Dass bei der Pressekonferenz die Luft brennen muss, haben sich die Schachboxer wohl von den Profifaustkämpfern abgeschaut. Anders ist es jedenfalls nicht zu erklären, warum sich die beiden verantwortlichen Macher vor dem "Chessboxing Battle of the Cities" Berlin vs. London ein verbales Scheingefecht lieferten. "Ich wurde aufs Tiefste beleidigt! Laut Tim Wollgar soll ich nicht der Erfinder des Schachboxens sein! Eine infame Unterstellung!", so der Altmeister und Gründer des Chessboxing Clubs Berlin Iepe Rubingh. Sein englischer Kontrahent, der als scheinbaren Beweis ein Foto aus dem Jahr 1978 mitgebracht hatte, das angeblich zwei Schachboxer in London zeigt, konterte: "Ich habe euren Schachboxing Club besucht...Was mir dazu einfällt: Oh, wie nett! Es sind auch ein paar Künstler dabei, die ein wenig boxen und Schach versuchen..."

Nun, der Kampfabend am 24. Juni in der alten Lagerhalle im Tape Club in der Hauptstadt war dann doch recht spannend und interessant, wobei jeweils die besseren Schachspieler das glücklichere Ende für sich hatten, wie unser Augenzeuge Arno Nickel zu berichten weiß. Doch geben wir dem Verleger und Herausgeber des Schachkalenders – in diesem Jahr erscheint bereits die Nummer 29(!) – das Wort:


In der Schachpartie des ersten Vorkampfs kam es am Schluss zu einer sehenswerten Kombination des Engländers Tim Bendfield (mit Weiß), der mit einem Läufer-Scheinopfer auf h6 [24. Lh6] den schwarzen König von g7 dort hinlockte und ihm dann mit dem anschließenden Damenzug nach f6 [25. Dxf6] den Rückzug abschnitt.
In diesem Kampf gegen den Berliner Alex "The Snake" Troll dominierte London eindeutig im Schach, während der Boxkampf relativ ausgeglichen war. Seinen entscheidenden Vorteil erreichte der Engländer am Ende der 5. Runde (siehe nachfolgenden Schnappschuss). Der Berliner hätte nun in der 6. Runde durch K.o. im Boxen gewinnen müssen, was nicht ganz unmöglich erschien, aber ihm trotz verzweifelter Anstrengungen nicht gelang.

Der zweite Wettkampf zeigte einen im Schach überlegenen Nils Becker (mit Weiß), der es zunächst mit der Englischen(!) Eröffnung sehr ruhig anging, aber dennoch einen großen Zeitvorteil herausholte. Nach der 5. (Schach-)Runde hatte Nils in deutlich besserer Stellung (aber ohne greifbaren Vorteil) noch acht Minuten auf der Uhr, sein Gegner leicht unter vier Minuten. Der im Boxen stärkere und aggressivere Nick Cornish, dem der Ruf eines brutalen Kneipenboxers vorauseilte, setzte Nils in der 6. (Box-)Runde stark unter Druck, und obwohl dieser sich tapfer mit Kontern wehrte und nicht versteckte, wirkte er doch körperlich leicht angeschlagen. Zu seinem Glück und etwas überraschend verlor nun aber der Engländer in der 7. (Schach-)Runde zunehmend den Durchblick. Seine bis dahin zähe Verteidigungsstellung brach zusammen und seine Uhr zeigte am Ende nur noch 39 Sekunden an, gegenüber sieben Minuten auf Nils' Uhr. Nick Cornish versuchte alles, um den Berliner auszuknocken, der sich jedoch heroisch wehrte und in der nachfolgenden 9. (Schach-)Runde mit leichter Hand, wenn auch schwindender Kraft durch Zeitüberschreitung gewann.

"Für mich war es wie erwartet ein sehr harter Kampf im Ring und überraschenderweise bis zum Damentausch auch eine zähe Schachpartie. Als ich jedoch über ein deutliches Zeitpolster verfügte, war Nick klar, dass er mich schon K.o. schlagen musste, um den Kampf noch zu gewinnen. In der 8. (Box-)Runde ist er dann aufs Ganze gegangen, aber es hat trotz einiger sehr schwerer Treffer für ihn nicht gereicht", so ein glücklicher Nils Becker. Für den ehemaligen Zweitliga-Spieler vom SV Glück auf Rüdersdorf war es der zweite Sieg in seinem zweiten offiziellen Fight.

Im Hauptkampf geriet Lukasz "Frog" Kosowski durch grob fehlerhaftes Spiel (Verlust von Springer auf f3 und Turm auf h1) gleich in der ersten Runde unter die Räder, was auf übergroße Nervosität und absoluten Konzentrationsmangel hindeutete. In der 2. (Box-)Runde dominierte er erwartungsgemäß seinen Gegner, Daniel Rivas Lizarraga, der schon bald zu Klammern anfing. In der 3. (Schach-)Runde unterlief dem Engländer, der sehr schnell spielte, ein horrender Flüchtigkeitsfehler, indem er die Dame auf h6 einstellte.
Das Material war danach wieder einigermaßen ausgeglichen bei bleibendem Stellungsvorteil von Schwarz mit den aktiveren Figuren. Der für London spielende Spanier spielte danach sehr konzentriert und setzte den gebürtigen Polen, der nun auch deutlich in Zeitnachteil geriet, immer mehr unter Druck. In der 4. (Box-)Runde war die Überlegenheit von Lukasz Kosowski so groß, dass ein technischer Knockout bereits in der Luft lag. Doch in der 5. (Schach-)Runde verlor er völlig den Überblick und lief am Ende sogar in eine einzügige Mattfalle, die in der nächsten Schachrunde zur Exekution auf ihn wartete. Die 6. (Box-)Runde bildete den dramatischen Box-Höhepunkt des Abends, als der rein defensive Engländer nur noch versuchte, irgendwie - gelegentlich auch durch Unterlaufen des Gegners mit geducktem Kopf - über die Runden zukommen. Die Zuschauer forderten vehement einen Abbruch durch den Kampfrichter, der es jedoch bei Ermahnungen beließ, so dass die Klammertaktik von Daniel Lizarraga letztlich aufging. Durch seinen Gewinn in der 7. (Schach-)Runde siegte der Londoner Schachbox-Verein mit 2:1 gegen die Berliner Schachboxer. Als äußerst faire und versöhnende Geste trug Daniel Lizarraga seinen unglücklich gescheiterten Gegner, Lukasz Kosowski, anschließend unter Publikumsbeifall durch den Ring und um den Schachtisch herum. Ein guter Übergang zur "After Fight Party" mit dem DJ-Team Remidemii & Aeroflot...

Besonders zu loben ist sicherlich der sehr kompetente Schachkommentator am Ring Andreas Dilschneider, weil er vor allem für die Laien das Geschehen auf den 64 Feldern live in Deutsch und Englisch hervorragend herüberbrachte.

Da alle drei Kämpfe letztlich die besseren Schachspieler vorzeitig für sich entschieden haben, könnte meiner Meinung nach einmal in Ruhe darüber nachgedacht werden, ob nicht in solchen Fällen dem Boxen eine ultimativ letzte Runde im Seilgeviert gehört. Dabei müsste allerdings der im Schach unterlegene Aktive nun seinen Gegner durch K.o. entscheidend bezwingen, um den Kampf doch noch zu gewinnen...


P.S. Über die schachliche Qualität der drei Partien kann sich im Übrigen jeder selbst beim Nachspielen ein Urteil bilden.

Unsere aktuelle Umfrage (21. Juni) beurteilt jedenfalls die Hybridsportart Schachboxen mehr als wohlwollend, denn 38,27 Prozent outen sich da als echte Fans und 43,21 Prozent meinen, dass man sie kämpfen lassen soll, wenn sie wollen. Nur jeder Fünfte hält überhaupt nichts davon...

Raymund Stolze und Arno Nickel

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