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Festrede des Präsidenten des Landessportbundes NRW, Herrn Walter Schneeloch, anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des Schachbundes NRW am 03.06.2011 in Bonn (Hotel Königshof)

Beginn: 17:30 Uhr mit einem Sektempfang
(reservierter Tisch in Nähe des Mikrophons)

Sehr geehrter Herr Dr. Weyer,
sehr geehrter Herr Nimptsch (Oberbürgermeister Bonn)
sehr geehrter Herr Prof. Dr. Schäfer,
sehr geehrter Herr Prof. Dr. von Weizsäcker,

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Schachbund Nordrhein-Westfalen feiert in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Meinen herzlichen Glückwunsch zu diesem Jubiläum! Auch für den Landessportbund Nordrhein-Westfalen ist Ihr Geburtstag ein besonderes Ereignis, denn es gibt nur wenige Verbände, die auf eine 150-jährige Geschichte zurück blicken können.

Man muss nicht unbedingt bei den antiken Philosophen nachlesen, um zu erfahren, dass das Schachspiel die Menschen schon seit Jahrhunderten fesselt. Aber schon hier findet man sehr frühe Beweise für die Faszination des königlichen Spiels. Aristoteles zum Beispiel nannte Schach schlicht das "Spiel der Spiele".

Und auch wenn ich mit dem "Spiel der Spiele" nicht intensiv vertraut bin, schätze ich es doch sehr, weil es positive Auswirkungen auf weite Bereiche der Persönlichkeit hat: Gesteigerte Konzentrationsfähigkeit, anhaltende Aufmerksamkeit, die verbesserte Aufnahme komplexer räumlicher Sachverhalte und des Gedächtnisses und die erhöhte Fähigkeit zur kritischen Analyse und effektiveren Vorausplanung, sind nur einige Beispiele. Darüber hinaus weist das Schachspiel fast alle positiven Eigenschaften auf, die dem Sport zugeschrieben werden.

So bedaure ich es auch außerordentlich, dass Schach als Sport in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Beachtung findet. Ganz im Gegenteil muss er sich stets darum bemühen als Sport anerkannt zu werden. Mag dies sicherlich daran liegen, dass viele Menschen Sport und sportliche Betätigung gleichsetzen mit Bewegung. Sie wissen es besser als ich, denn ich habe es mir nur sagen lassen, dass – um ein Leistungsturnier durchzustehen - alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer äußerst fit sein müssen. Sie wissen es ja aus eigener Erfahrung, dass Spielzüge beim Schachsport auf die gleiche Art und Weise eingeübt werden, wie bei Handballern oder Basketballern - nur eben ohne Bewegung. Viele Untersuchungen weisen nach, dass während eines Leistungsturniers Herz, Atemfrequenz, Blutdruck und Hautreaktion hohen Belastungen unterworfen sind und enorme Gewichtsverluste auftreten, so dass auch für Schachspielerinnen und Schachspieler eine Lebensweise mit regelmäßigem Training und gesunder Ernährung notwendig ist. Es kann deshalb nicht überraschen, dass hervorragende Schachspielerinnen und Schachspieler auch sehr gut in anderen Sportarten sind. So verstehe ich das Schachspiel als einen Sport, der den ganzen Menschen fordert!

In einem aber, meine Damen und Herren, schlägt das Schachspiel sogar jede andere Sportart. Im Wettkampf gibt es beim Schach keinerlei körperlichen Vorteile oder Nachteile, sondern nur den Zweikampf am Schachbrett. So kann der Einarmige beim Schachspielen den körperlich durchtrainierten Athleten mühelos besiegen, wenn er das Spiel besser beherrscht als sein Gegenüber; und ein talentierte 14-jährige einen gestandenen 30-jährigen. Schach ist ein wirklich demokratisches Spiel. Ein Spiel für Alle, für Männer und Frauen, für Jung und Alt, für Gesunde und Kranke, für Starke und Schwache. Fairer kann ein Sport - meiner Meinung nach - nicht mehr sein!

Meine Damen und Herren,

150 Jahre Schachverband Nordrhein-Westfalen! Dieser besondere Geburtstag regt dazu an, auf die Vergangenheit zurückzublicken, aber gleichzeitig auch nach vorne zu schauen und die Herausforderungen der Zeit zu erkennen! Doch was sind die Herausforderungen unserer Zeit, auf die der Schachverband, aber auch alle andere Verbände, reagieren muss?

Mit der Beantwortung dieser Frage beschäftige ich mich in meiner Festrede!

Unsere Sportvereine sind einem großen Konkurrenzkampf ausgesetzt. Neue Anbieter, wie Fitness- und Sportstudios, bieten eine große Vielfalt von Angeboten an, an denen jeder Interessierte ohne Vereinsbindung teilnehmen kann. In unserer sich verändernden Gesellschaft spielen folgende Faktoren eine große Rolle, auf die ich nachfolgend intensiver eingehen werde:

  • Demographischer Wandel,
  • die Veränderungen im Bildungsbereich durch die Einführung von Ganztagsschulen,
  • die Tendenz zu veränderten Werthaltungen,
  • Veränderungen im ehrenamtlichen Engagement.

Meine Damen und Herren,

die Bevölkerung wird älter, weniger Kinder werden geboren, der Frauenanteil und auch der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund steigen an. Des Weiteren gibt es mehr Armut, mehr Kranke und weniger Bewegungs- und Sportinteressierte. Die Auswirkungen des demographischen Wandels lassen eine Reihe inhaltlicher Schnittstellen zum organisierten Sport ableiten, welche dort zu einschneidenden Veränderungen führen. Ziel muss es sein, dass sich das Sportangebot den gegebenen Veränderungen anpasst und neue Konzepte angeboten werden. Das bezieht sich auf alle Sportarten und auf jede Altersform der Konsumenten: Kinder, Jugendliche, Erwachsen und Senioren. Themenfelder im Bereich Sport, die vom demographischen Wandel betroffen sein werden, sind u.a. Kinder- und Jugendsport, Sport der Älteren, Integration im Sport, Sport und Gesundheit, Sportstätten und Sporträume sowie kommunale Netzwerke und die Politikfähigkeit im Sport.

Lassen Sie mich Ihnen in diesem Zusammenhang die Ergebnisse der Untersuchung "Demographischer Wandel und organisierter Sport – Projektionen der
Mitgliederentwicklung des DOSB für den Zeitraum bis 2030" nennen. Die Ergebnisse belegen, dass sich der organisierte Sport bundesweit auf zwei demographisch bedingte Haupttendenzen einstellen muss:

Erstens: Absolut betrachtet kann die Gesamtzahl der Mitglieder im organisierten Vereinssport analog zur Situation der Gesamtbevölkerung sinken.

Zweitens: Parallel dazu wird sich die Altersstruktur des organisierten Sports gravierend verändern. Die gesellschaftliche Alterung hat damit auch im Sport erheblichen und zugleich nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung in der Zukunft.

Für unser Bundesland Nordrhein-Westfalen bedeutet dies, dass Nordrhein-Westfalen insgesamt gesehen, voraussichtlich im Jahr 2010 rund eine halbe Million weniger Einwohner verzeichnen wird (das sind minus 3 %), um das Jahr 2050 herum könnten es bis zu 2,7 Millionen sein (das sind minus 15 %).

Demographisch gesehen, steht im Nachwuchsbereich der Vereine und Verbände in Nordrhein-Westfalen in den kommenden Jahrzehnten – zumindest potentiell – ein stetiger Mitgliederrückgang bevor. Im Falle weiterhin stagnierender bzw. gegebenenfalls leicht ansteigender Geburtenraten sinkt der Bevölkerungsanteil der 0- bis 18-Jährigen bis 2020 um rund 18 %. Im Jahr 2030 könnten es 22 %, im Jahr 2050 könnten es bereits 37 % vom aktuellen Ausgangswert sein. Derzeit sind in dieser Altersklasse rund 50 % in einem Sportverein registriert. Bis zum Jahr 2050 müssten die Mitgliederzahlen eklatant steigen (bis auf ca. 80 Prozent!), um die demographischen Verluste in Nordrhein-Westfalen zu egalisieren.

Die Zahl der über 60-Jährigen wird in Nordrhein-Westfalen zwischen 2020 und 2030 mit ca. 34 % ihren Höchststand erreichen und danach weitestgehend stagnieren. Der Organisationsgrad im "Sport der Älteren" liegt derzeit bei 17 % für Männer und Frauen zusammen und erscheint daher gut ausbaufähig. Der "Sport der Älteren" wird daher auch in Nordrhein-Westfalen weiterhin an Bedeutung gewinnen. Vor diesem Hintergrund stellt sich der Landessportbund NRW mit seinem neuen Programm
"Bewegt älter werden in NRW" den Herausforderungen dieser Bevölkerungsentwicklung.

Meine Damen und Herren, es liegt also auf der Hand, dass sich mit dem Bevölkerungsrückgang auch die Mitgliederstärke des Sportvereins reduzieren wird, wenn es nicht gelingt, neue Zielgruppen zu gewinnen.

Hieraus ergeben sich für den Schachbund NRW folgende Fragen:

  • Wie können neue Zielgruppen zeitgemäß für das organisierte Schachspielen interessiert werden?
  • Welche bisher unterrepräsentierten Zielgruppen können für den organisierten Schachsport durch gezielte Aktivitäten gewonnen werden? Zum Beispiel die Zielgruppen "Mädchen und Frauen", "Menschen aus bildungsfernen Bevölkerungsgruppen", oder "Menschen mit Migrationshintergrund".
  • Wie kann ein attraktiver Spielbetrieb unter den neuen Herausforderungen aussehen?
  • Wie kann man den Erlebniswert im organisierten Schachsport steigern?
  • Durch welche attraktiven Dienstleistungen kann der Verein Mitglieder an sich binden?
  • Welche neuen Formen der Mitgliedschaft werden dem Wunsch nach Flexibilität am ehesten gerecht?

Zum Aspekt "Veränderungen im Bildungsbereich" sei gesagt: Insbesondere durch die Einführung des offenen Ganztags im Jahr 2003 hat sich die Lebenssituation unserer Kinder und Jugendlichen gravierend verändert. Ihr Alltag ist durch die Einführung des Ganztags neu zugeschnitten. War der Tag früher jeweils zur Hälfte mit Schule bzw. Kindergarten und freien Aktivitäten ausgefüllt, so nimmt der Bereich der Schule inzwischen zwei Drittel ihres Tages ein. Für frei gewählte Aktivitäten bleibt ca. ein Drittel. Und ob diese Aktivitäten für den Sport genutzt werden, bleibt fraglich. Jungen Menschen aber einen Zugang zu Bewegung, Spiel und Sport zu verschaffen, darf bei ihrer Entwicklung nicht fehlen. Der Landessportbund stellt sich mit seinem neuen Programm "NRW bewegt seine Kinder" den Herausforderungen des Ganztags. Wir wollen uns in folgenden Bereichen engagieren:

  • Wir wollen im außerunterrichtlichen Schulsport und Ganztag eine zentrale, führende Rolle spielen!
  • Außerdem steht der Ausbau des Engagements im Bereich der Kindertagesstätten und der Kindertagespflege auf der Agenda!
  • Die Kinder- und Jugendarbeit im Sportverein soll den veränderten Bedingungen angepasst werden!
  • Die kommunale Entwicklungsplanung und Netzwerkarbeit soll initiiert werden!

Da die "frühkindliche Bildung" im Kindergarten und Vorschulalter zunehmend auch als ein Schlüsselbereich der Bildungspolitik wahrgenommen wird, muss sich Ihr Verband auch darüber Gedanken machen, wie das Themenfeld "Schach" im Kindergarten implementiert, bzw. ausgebaut werden kann. "Schachspiel bildet, stärkt das Selbstbewusstsein, macht Jungen und Mädchen schon im Alter von drei Jahren Spaß". Diese Erkenntnisse sind die Ergebnisse des bundes-, ja sogar weltweit einzigartigen Projektes "Schach für kids", welches im Ennepe-Ruhr-Kreis mit 157 Kindergärten durchgeführt wurde. Eine umfangreiche wissenschaftliche Begleituntersuchung hat imposant nachgewiesen, dass das Schachspiel für die Entwicklung von Kindern ausgesprochen förderlich ist.

Meine Damen und Herren, ich komme nun zum Punkt "veränderte Werthaltungen". Diese lassen sich u.a. auch an einer abnehmenden Bindungsbereitschaft erkennen: Traditionelle Bindungen werden unwichtiger, ein sogenanntes Kosten-Nutzen-Denken - „Was habe ich davon?”- steht im Vordergrund. Vereinsmitgliedschaften aus traditioneller Verbundenheit werden seltener, der Wechsel zwischen Vereinen und sogar Sportarten wird schneller vollzogen, als es früher einmal üblich war.

Liebe Sportfreundinnen und Sportfreunde,

Die gesellschaftlichen Veränderungen wirken sich aber auch auf das Ehrenamt aus. Der demographische Wandel wird sich nur gestalten lassen, wenn sich eine breite Bürgerbewegung für die Gemeinschaft engagiert. Wir können davon ausgehen, dass freiwillige Leistungen "der öffentlichen Hand" immer stärker reduziert werden. Und auch sonst ist die Ressourcenausstattung des Sports bedroht. Vor diesem Hintergrund wird das ehrenamtliche Engagement in den Sportvereinen wichtiger denn je. Es kann aber nicht als problemfreie Zone betrachtet werden. 43 % der Sportvereine sehen das Gewinnen und Einbinden von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als großes oder sehr großes Problemfeld. Die Gewinnung von Personen für Ämter bzw. für eine regelmäßige Mitarbeit wird schwieriger, da sich immer mehr Menschen ohne langfristige Verpflichtung engagieren wollen. Die Bereitschaft zum Engagement im "klassischen Ehrenamt" nimmt dementsprechend ab. Auf der anderen Seite sind die Potentiale für ein flexibles, projektgebundenes Engagement gewachsen.

Auch der Schachbund wird mit der Frage konfrontiert, wie er sich organisieren muss, wenn sich die Bereitschaft für das klassische Ehrenamt reduziert. Und er muss sich Gedanken machen, wie er die wachsende Bereitschaft zu flexiblen und projektbezogenen Engagement für sich nutzen kann?

Meine Damen und Herren,

damit die Vereins- und Mitgliederentwicklung zukunftsorientiert gestaltet werden kann, sind unsere Sportverbände und -vereine förmlich gezwungen auf die gesellschaftlichen Einflussfaktoren zu reagieren! Zukünftig wird es darum gehen neue Angebotsformen, Strategien und Konzepte für das bestehende Sportsystem zu entwickeln, zu modifizieren oder zu implementieren. Verbände, wie der Pferdesportverband NRW, der Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen oder auch die Schützen haben sich bereits diesem Thema gewidmet. Die Fußballer gestalten zum Beispiel ihre Mannschaftsgrößen variabel, um im Kinder- und Jugendbereich flächendeckend spielfähige Ligen zu haben. Neben der Mannschaftsgröße werden auch gemischte Staffeln, aus Mannschaften unterschiedlicher Jahrgänge oder Spielgemeinschaften gebildet.

Meine Damen und Herren,

meine Festrede möchte ich nun mit einem Zitat von Siegbert Tarrasch beenden. Er war vor 100 Jahren einer der erfolgreichsten Turnierspieler der Welt:„Ich habe ein leises Gefühl des Bedauerns für Jeden, der das Schachspiel nicht kennt, ungefähr so, wie ich Jeden bedaure, der die Liebe nicht kennen gelernt hat. Das Schach hat, wie die Liebe, wie die Musik, - und ich, füge hinzu, wie der Sport – die Fähigkeit, den Menschen glücklich zu machen.”

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen alles erdenklich Gute für die Zukunft.

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