Die Anderssen-Feier in Leipzig 1877

Prof. Adolf Anderssen
Illustrirte Zeitung 28. Juli 1877
Prof. Adolf Anderssen

Zu dem in der vorigen Woche vom 15. bis 21. d. W. zu Ehren Anderssen's in Leipzig abgehaltenen Schachcongreß hatte sich eine so große Anzahl von Meistern und Freunden des Schachspiels eingefunden wie noch nie zuvor bei einem deutschen Congreß. Es war eben die hohe Bedeutung, welche Anderssen's langjähriges Schachwirken für die Ausbildung der deutschen Schachspielkunst gehabt hat, es war die Erinnerung an die früheren glänzenden Siege des Meisters, was eine so lebhafte Theilnahme der deutschen Schachfreunde von nah und fern hervorrief.

Während im vorjährigen Mitteldeutschen Schachcongreß sich nur 6 Theilnehmer gefunden hatten, waren es diesmal 12, darunter eine Reihe der glänzendsten Namen der Jetztzeit, nämlich: Prof. Anderssen aus Breslau, B. Englisch aus Wien, E. Flechsig und Dr. Göring aus Leipzig, Professor A. Franke aus Celle, Leffmann aus Köln, Metger aus Göttingen, Louis und Wilfried Paulsen aus Detmold, E. Schallopp und S. Winawer aus Berlin, J. H. Zukertort aus London.

Aus dem nachfolgenden Schema wird das gegenseitige Verhältnis der einzelnen Wettkämpfe sichtbar:

Pl. Spieler Pkt. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 1 2
1. Louis Paulsen 9,0 x 0 1 0 1 1 1 1 1 1 1 1
2. Adolf Anderssen 8,5 1 x ½ 1 0 ½ 1 1 ½ 1 1 1
2. Johannes Hermann Zukertort 8,5 0 ½ x 1 0 1 1 1 1 1 1 1
4. Simon Winawer 7,5 1 0 0 x 1 0 1 1 1 ½ 1 1
5. Carl Theodor Göring 6,0 0 1 1 0 x 1 0 0 1 1 1 0
7. Berthold Englisch 5,0 0 ½ 0 1 0 x 0 1 1 ½ 0 1
7. Emil Schallopp 5,0 0 0 0 0 1 1 x 0 1 1 0 1
7. Karl Leffmann 5,0 0 0 0 0 1 0 1 x ½ 1 1 ½
9. Johannes Metger 3,5 0 ½ 0 0 0 0 0 ½ x ½ 1 1
10. Ernst Flechsig 3,0 0 0 0 ½ 0 ½ 0 0 ½ x 1 ½
11. August Wilhelm Franke 2,5 0 0 0 0 0 1 1 0 0 0 x ½
11. Wilfried Paulsen 2,5 0 0 0 0 1 0 0 ½ 0 ½ ½ x
-
C30
Illustrirte Zeitung 28. Juli 1877

Es bedeutet: + eine gewonnene, - eine verlorene und 0 eine unentschieden (remis) gebliebene Partie, die dem Spieler für halb gewonnen in Ansatz gebracht wird.

Der erste Sieger ist Louis Paulsen mit 9 Gewinnpartien; um den zweiten Preis mußten Anderssen und Zukertort, jeder 8½, nochmals kämpfen. In diesem Einzelkampf siegte Anderssen über Zukertort, sodaß also Anderssen den zweiten, Zukertort den dritten preis erringt.

Im sogenannten Hauptturnier, welches in Gängen stattfindet, wurden C. Wemmers aus Elberfeld erster und Dr. Schmid aus Dresden zweiter Preisträger.

Im Problemturnier, zu welchem 27 Sendungen eingegangen waren, wurde der erste Preis Johann Berger in Graz, der zweite Karl Kondelik in Prag zuerkannt.

Das Blindlingsspiel, welches Herr E. Schallopp aus Berlin gegen 8 Spieler führte, hatte eine Dauer von etwa 6 Stunden. Der Blindspieler gewann 3 Partien, verlor 4 und machte ein Spiel remis.

Das Ehrengeschenk des Jubilars besteht aus einer Säule von schwarzem Marmor, welche von einem breiten Eichenlaubband von Gold und Silber umwunden ist und auf einem Sockel nebst terrassenförmiger Basis von Serpentinstein ruht. Eine große, auf goldener Platte sich erhebene Figur aus Silber mit Schachbret, die Muße des Schach vorstellend, welche mit der rechten Hand den goldenen Ehrenkranz darreicht, krönt das Ganze. Der Sockel trägt auf der Vorderseite die Dedicationsinschrift "Dem deutschen Schachmeister Prof. Dr. Adolf Anderssen zum fünfzigjährigen Schachjubiläum. Seine Freunde und Verehrer." und auf der Rückseite eine in Gold und Silber graphierte Partiestellung aus dem entscheidenden Wettkampf Anderssen's mit dem Engländer Staunton, durch dessen Besiegung im Jahr 1851 Anderssen zuerst seinen Weltruhm begründete. Innerhalb einer fein gearbeiteten Girlande um dieses Schachbret weisen verschiedene Daten die Hauptsiege Anderssen's in den internationalen Schachturnieren zu London (1851, 1862), Baden (1870), Wien (1873), Leipzig (1871, 1876). Ferner wurden demselben noch zwei silberne Pokale überreicht, ein künstlerisch gearbeitetes Ehrendiplom des Westdeutschen Schachbundes und der rheinischen Schachgenossenschaften; Hr. Zukertort endlich übergab im Namen des Schachclubs St. George in London, der ältesten jetzt bestehenden Schachgesellschaft, ein Diplom der Ehrenmitgliedschaft.

Die Gründung eines Allgemeinen Deutschen Schachbundes betreffend, wurde ein solcher mit wechselndem Vorort, zuerst Leipzig, beschlossen und die vorläufige Leitung der Geschäfte Herrn H. Zwanzig übertragen, dessen bisherige hingebende und erfolgreiche Schachthätigkeit die allgemeinste Anerkennung gefunden hatte.

Wir schließen mit Wiedergabe der poetischen, schachsinnigen Ansprache des Geh. Hofraths Rudolf Gottschall während des Festmahls:

Illustrirte Zeitung 28. Juli 1877

Foto der Teilnehmer des Kongresses

zanchess.wordpress.com/2018/02/19/anderssen-feier-leipzig-1877-a-first-look-look/

Im Kongressbuch von Emil Schallopp findet sich dazu auf Seite 68:

Am nächsten Tage, Donnerstag den 19. Juli, fand während der Mittagspause im hinteren Garten des Schützenhauses eine photographische Aufnahme der noch anwesenden Teilnehmer des Kongresses statt. Dieselbe wurde von dem Photographen Herrn Karl Bellach in Leipzig ausgeführt und lieferte ein recht gelungenes Bild, auf dem fast alle der bisher genannten Turnierkämpfer, sowie die Leipziger Koryphäen Dr. Gottschall, Dr. Max Lange, H. Zwanzig u. a. zu erblicken sind.

Adolf Anderssen in "Die Gartenlaube"

Die Gartenlaube war eine von 1853 bis 1984 erschienene Illustrierte mit einer Auflage von mindestens 100.000 Stück.

Mehr in der Wikipedia

Ein Jubilar des königlichen Spiels.

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Wer in den Gärten des Leipziger Schützenhauses um die Mitte des Juli auf- und abspazierte, ehe noch die bunten Lichter des Abends aus den Bosquets und von den Triumphthoren leuchteten, und ehe noch um den Drachenthurm und hinter der Alhambra die Alpen zu glühen begannen: der erblickte in den Colonnaden und in den Gartennischen zahlreiche Gruppen, die sich meist schweigend hin und her bewegten, hier oder dort zu dichteren Massen sich sammelten, einander zuflüsterten mit bedeutsamer Zeichensprache oder weiter hinaus in’s Freie traten, um ihrem Herzen in lauterer Rede Luft machen zu können.

Kein Zweifel, man hatte es mit einer Gemeinde zu thun, die einen besonderen Cultus pflegte; unverkennbar war es, daß hier ein Geist der Andacht herrschte, zugleich eine Spannung und Aufregung, wie man sie bei frommen Gemeinden findet, die ganz aparter Offenbarungen gewärtig sind.

Wer näher hinzutrat, der hörte denn auch geheimnißvolle Worte und glaubte in den Zauberkreis einer Kabbala gerathen zu sein oder zu Buchstabengläubigen in des Wortes verwegenster Bedeutung; denn Zahlen und Buchstaben schwirrten durch die Luft: e2 bis e4, c7 bis c5, h2 bis h3; so flüsterte es hier und dort, dazwischen tönten frommklingende Wendungen, und Schriftgelehrte hörten andächtig zu, griffen plötzlich zum Bleistift und verzeichneten auf langen Rollen eine Zeichenschrift, aus Buchstaben, Zahlen, Kreuzen und Strichen bestehend, die den Unkundigen so räthselhaft gemahnte, wie die Hieroglyphen Aegyptens und selbst der neuesten und schönsten Papyrusrolle, des vielgenannten „Papyros Ebers“.

Theilte sich aber hier und dort die dichtzusammengedrängte Menge, so fiel der Blick auf tiefsinnig herabgeneigte Gesichter, die in so undurchdringliches Brüten verloren schienen, wie die indischen Brahmanen, welche das bedeutsame Wort „Qiü“ aussprachen.

Der alte Fabeldichter Lichtwer würde bei diesem Anblicke an seine Verse erinnert haben:

Wenn sie nicht sehen, hören, fühlen,
Mein Gott, was thun sie denn? Sie spielen!

Und er hätte des Räthsels Lösung gefunden.

In der That, es war die Gemeinde des königlichen Spiels, des Schachspiels, die sich in Leipzig zusammengefunden hatte, um das fünfzigjährige Jubiläum des berühmten Meisters, des Professors Anderssen, festlich zu begehen. Und wie man in den verschollenen Zeiten des Ritterthums zu festlicher Feier Turniere veranstaltete, so geschah es auch hier; die unblutigen und geräuschlosen Turniere des Schachs nahmen eine Woche lang ihren Fortgang; es bedurfte keiner Heilkünstler und Heilkräuter für die Verwundeten, und dennoch fühlte Mancher innerlich eine unsanfte Erschütterung, wenn er aus dem Sattel gehoben wurde.

Sie waren aus allen deutschen Landen herbeigeströmt, die Meister und Freunde des Schachs, um sich an der Feier zu betheiligen; auch aus Wien war einer der besten Spieler erschienen; die Rheinlande hatten tüchtige Kämpen gesendet, ebenso die Hauptstadt des deutschen Reiches und das benachbarte Elbflorenz; ja, aus London war Zuckertort, von dem ältesten Club der Erde, dem St. Georg-Club, abgesandt worden, um dem Professor Anderssen das Ehrendiplom zu überreichen. Die beiden Brüder Paulsen, von denen besonders Louis Paulsen einer der ausgezeichnetsten Matchspieler ist, betheiligten sich an dem Meisterturniere; kurz, es war die Blüthe der Ritterschaft des edlen Schachs versammelt, um dem ältesten Meister zu huldigen.

Adolf Anderssen ist kein Schachspieler von Profession; er ist in staatsbürgerlicher Hinsicht Professor, Lehrer der Mathematik und deutschen Sprache am Friedrichs-Gymnasium zu Breslau.

Schon früh zeigte er ein hervorragendes Talent für das Schach; der Verfasser dieser Zeilen hat mit ihm bereits im Jahre 1844 in den Räumen der sogenannten „Nova an der grünen Baumbrücke“ manche Lanze gebrochen; schon damals galt Anderssen für ein Phänomen des Schachspiels. Es war die Zeit der jungen Berühmtheiten, eine zukunftsvolle Zeit. In dem einen Zimmer spielte man mit Anderssen Schach; in dem andern debattirte man über philosophische Fragen mit dem jungen Ferdinand Lassalle, der damals ebenfalls schon für einen ausgezeichneten Kopf galt und im Fangspiele der Begriffe eine seltene Gewandtheit besaß.

Anderssen’s Weltruhm als Schachspieler datirt von dem großen Londoner Turniere im Jahre 1851, auf welchem er nicht nur namhafte Spieler, wie Kinseritzky und Spun, besiegte, sondern auch den berühmtesten englischen Schachmeister Staunton aus dem Sattel hob. Bei dem zweiten englischen Turniere im Jahre 1862 gewann er wiederum den ersten Preis. Dagegen war er im Wettkampfe mit dem Amerikaner Morphy in Paris 1858 unterlegen und hatte gerade dadurch wesentlich dazu beigetragen, dem Rufe des nordamerikanischen Weltwunders eine glänzende Folie zu geben. Ohne jene thörichte Eitelkeit, welche einmal gewonnenen Ruhm ängstlich zu bewahren sucht, ist Anderssen, im Vertrauen auf seine Kraft, die durch einzelne Unfälle nicht geschädigt werden kann, stets von Neuem bei zahlreichen Wettkämpfen erschienen, sowie er immer bereit ist, mit Großen und Geringen zu spielen; jede falsche Vornehmheit ist ihm fremd, und zahlreich sind die Preise, die er bei kleineren Turnieren davon getragen hat. Vor dem Pariser Wettkampf war Anderssen etwas aus der Uebung; sagt er doch selbst: „Die Schachmeisterschaft läßt sich nicht gleich einem Kleinode im Glasschränkchen aufbewahren, um sie zur Nothzeit bei der Hand zu haben, sondern sie kann nur durch stete gediegene Uebung conservirt werden.“

Doch selbst in jenen Partieen mit Morphy haben die feinsten Kenner des Schachspiels bei Anderssen die Ueberlegenheit genialen Spiels, eines ungewöhnlichen Tief- und Scharfblickes anerkannt, während der Amerikaner dagegen Sieger blieb durch die nie wankende Festigkeit seiner Ueberlegungen, die seltenste Ruhe in den schwierigsten Situationen, welche nie ein offenbares Versehen macht. Von solchen Versehen, ja selbst von Fingerfehlern ist Anderssen’s Spiel nicht ganz frei gewesen, namentlich in Paris, wo die Fremdartigkeit der Umgebungen den Sinn des deutschen Gastes zerstreuen mußte. Für das praktische Spiel waren die Vorzüge Morphy’s entscheidender und warfen das ausschlaggebende Gewicht in die Wagschale von Gewinn und Verlust; für die Fortschritte des Schachspiels selbst waren auch Anderssen’s Verlustpartieen lehrreicher, wie dies erst neuerdings in einem schmeichelhaften Schreiben der große Theoretiker, Heydebrandt von der Lasa, der deutsche Gesandte in Kopenhagen, ausdrücklich, anerkannt hat.

Mancher Leser und manche Leserin wird vielleicht verwundert fragen, wie man von einem Spiel so viel Wesens machen kann, zu welchem ein einfaches Brett und eine Schachtel voll Figuren die einzigen Requisiten sind. Ja, der geheimnißvolle Türke in der Schachmaschine, der übt eine besondere Anziehungskraft aus. Freilich nur das Geheimniß der Maschinerie, das Spiel selbst erscheint dabei als gleichgültig. Die Schachmaschine ließ erst den Congreß vorübergehen, ehe sie im Leipziger Schützenhaus ihren Einzug hielt; sie betheiligte sich nicht an den Schachturnieren; die Chronik ihrer Siege wäre sonst in bedenklicher Weise durchlöchert worden.

Gewiß, es sind einfache Mittel, deren sich das Schach zur Erreichung seiner Ziele bedient; aber wie einfach sind die vier Saiten einer Violine, wie einfach ist die Claviatur eines Pianoforte und welche Welt von Tönen und Empfindungen weiß

Fortsetzung unten

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Fortsetzung

die Hand des Meisters ihr zu entlocken! Wie wenige Buchstaben hat das Alphabet und welche Welt von Wörtern und Gedanken entsteht aus ihren Zusammensetzungen!

So ist es auch mit dem Schachspiel! Die Figur wird zum Zeichen herabgesetzt für die Combinationen des menschlichen Scharfsinns, der auf diesem Brette immer neue Triumphe feiert; ja, dies schlichte Holzbrett verwandelt sich in einen Zauberspiegel, der mit magischer Kraft die Bilder der geistigen Physiognomien und Eigenschaften zurückstrahlt. Da sehen wir im Spiele sich abspiegeln den dumpfen, beschränkten Sinn, der am Hergebrachten hängt und augenblicklich festen Boden verliert, wenn der Gang des Spieles eine ungewöhnliche Wendung nimmt; da sehen wir die Aengstlichkeit, welche nichts zu opfern wagt, um zu gewinnen, sondern krampfhaft ihren Schatz zu wahren sucht, gerade in solcher Weise aber ihn verliert; da sehen wir den sicheren Ueberblick und die unerschütterliche Ruhe, die alle Folgen stets erwägt; dort wieder den kühnen Angriffsmuth, der rücksichtslos vorgeht und durch Ueberraschungen zu wirken sucht; endlich die geniale Combination des Meisters, die gänzlich Unvorhergesehenes mit plötzlicher Inspiration durchführt und deren Schwung von der Schwierigkeit der Verwicklungen beflügelt wird, wie der Schwung eines echten Dichtertalentes von den Schwierigkeiten des Metrums und der geforderten Reimfolge der Strophen.

Ja, wer die großen Mittel und großen Zwecke des Krieges für einen Vergleich zwischen der Strategie der Schlachtfelder und der Schachfelder nicht mitbeachtet, sondern nur die Bedeutung der geistigen Thätigkeit, nur allein des combinirenden Scharfsinnes, auf beiden Gebieten des Kampfes, in Anschlag bringt: der muß zugeben, daß sich hier die Wage zu Gunsten des Schachspielers neigt. Ein tapferer General wirkt freilich auch noch durch die moralische Macht und steht mitten im Schlachtenfeuer; aber mit seinen Divisionen und Brigaden, mit seinen kühnsten Märschen und Flankenangriffen kann er nicht entfernt jenen Reichthum an scharfsinnigen Varianten erschöpfen, welcher sich dem genialen Feldherrnblicke des Schachspielers erschließt, wenn er seine so verschiedenartig wirkenden Kräfte in’s Feuer führt.

Es ist eine Freude, dem Spiele Anderssen’s zuzusehen: nichts von Aengstlichkeit, von vibrirender Unruhe; aber auch nichts von jener krampfhaften Anstrengung, mit welcher manche Spieler ihr Gesicht, mit Ausnahme der Augen, in ihren Händen vergraben und den Kopf auf ihre beiden Arme stützen; man sieht nur eine seine geistige Arbeit auf seinen Zügen spielen. Seine Einleitungen sind alle correct und sicher, folgen der Ueberlieferung, den jüngsten Resultaten der Forschung, halten sich aber von Improvisationen frei. In der Mitte des Spieles, wo ein reicher Schatz leichter oder schwerer zu erhaschender Möglichkeiten sich dem Spieler zu erschließen scheint, ist Anderssen’s Spiel am genialsten; wohl aber kann es hier vorkommen, daß eine überraschende und glänzende Variante, nicht bis in alle ihre Folgen durchgedacht, daß ein vielwagender Angriffszug den Meister mehr verlockt als eine ruhigere Entwickelung und daß er so, einem hervorragenden Schachspieler gegenüber, in den Nachtheil kommt. Die Schlußspiele dagegen weiß er mit unüberwindlicher Correctheit durchzuführen und oft selbst ein früheres Versehen durch die überlegene Feinheit, mit der er diese Filigranarbeit des Spieles ausführt, wieder gut zu machen.

Ein Meisterturnier, ein Hauptturnier und mehrere Nebenturniere waren zur Jubelfeier veranstaltet, sodaß Spieler von verschiedener Stärke ihr Glück versuchen und die gleich starken um den Preis kämpfen konnten. Bei dem großen Festessen im Trianonsaal des Schützenhauses wurde Anderssen ein Ehrengeschenk übergeben, bestehend in einer Ehrensäule, auf welcher oben der beschwingte Genius des Schachspiels steht, in der einen Hand den Kranz, in der andern ein Schachbret haltend, während auf dem Postament die Widmung und die Chronik der Siege eingeschrieben sind, welche der Meister davongetragen hat. Das Festessen hatte indeß noch ein glänzenderes Resultat, als sonst mit solchen epikuräischen und rhetorischen Freuden verbunden zu sein pflegt; es wurde in lebhaften Berathungen und Debatten die Gründung eines deutschen Schachbundes beschlossen, mit wechselndem Vorort und ein- oder zweijährigen Zusammenkünften. Bis jetzt bestehen gesonderte Schachbunde, ein westdeutscher, ein süddeutscher, ein mitteldeutscher: die Vereinigung aller zu einer großen Gemeinschaft, die unter dem Zeichen des Jubilars Anderssen sich vollzog, ist im Kleinen ein erfreulicher Triumph deutscher Einigkeit.

So feierten die deutschen Schachspieler in dem Meister zugleich das Spiel selbst, das dem Ernst so nahe liegt, sich aber von ihm durch seine ganz selbstgenügsam-geistige Arbeit und jene höhere Zwecklosigkeit unterscheidet, welche ja auch den Werken der schönen Kunst eigen ist.

Bei der Festtafel, welche durch manche sinnige ernste und heitere Reden gehoben wurde, und bei welcher Dr. Max Lange, mit Heydebrandt von der Lasa der größte deutsche Theoretiker des Schachs, eine hervorragende Rolle spielte, während Anderssen selbst mit gewohnter Bescheidenheit die Huldigungen der Schachgenossen entgegennahm, leitete der Unterzeichnete als Vorsitzender die Ueberreichung der Ehrensäule zur Feier des Jubilars mit einigen Versen ein, die bereits durch Leipziger Blätter bekannt geworden sind.

Rudolf Gottschall

Gründung des Deutschen Schachbundes

Beratung wegen Gründung des deutschen Schachbundes

Herr Bürgermeister und Stadtrichter von Leitner aus Tessin in Mecklenburg, einer der treuesten Anhänger und Verehrer des Altmeisters, der sich an den Kämpfen des Kongresses selbst nicht beteiligte, dessen ehr würdiges graues Haupt aber fast regelmäßig an demjenigen Tisch zu erblicken war, wo Anderssen am Brett saß, überbrachte demselben in äußerst launigen Worten, die sich der beifälligsten Heiterkeit der Versammlung erfreuten, die Ehrenmitgliedschaft des aus 29 wirklichen und einigen zwanzig Ehrenmit gliedern bestehenden Tessiner Schachklubs; Herr Dr. Schmid aus Dresden erklärte, dass der Dresdener Klub, welcher von dem gleichen Gefühl der Verehrung für den Jubilar getragen werde, nur deshalb von seiner Ernennung zum Ehrenmitglied Abstand genommen habe, weil er sich nicht würdig erachte, sich mit dem Namen eines solchen Ehrenmitgliedes zu schmücken.

Auch sonst fehlte es nicht an zahlreichen Beweisen der Aufmerksamkeit für den gefeierten Meister. Der Berliner Schachklub sandte auf dem Wege des Drats „Glückwunsch und Gruß dem Großmeister, der zu der Wissenschaft das Spiel gesellt und in dem Spiel die Wissenschaft bestellt"; und viele andere Briefe und Depeschen aus allen Teilen Deutschlands bekundeten die allseitige herzlichste Teilnahme an dem seltenen Feste.

Nunmehr unterzog sich Herr Referendar Kähne aus Magdeburg der Aufgabe, die Verdienste, welche sich der Schatzmeister des Kongresses Herr H. Zwanzig um das Zustandekommen des gegenwärtigen Kongresses und dadurch um die dem Anschein nach nunmehr gesicherte Gründung des allgemeinen deutschen Schachbundes erworben, in das gebührende Licht zu stellen, und ersuchte die Versammlung, auf das Wol des Herrn Zwanzig ein feuriges Hoch erschallen zu lassen; Professor Anderssen knüpfte hieran die Bemerkung, dass ihm durch Herrn Zwanzig die Gelegenheit zu einem seiner bedeutendsten Triumphe gegeben worden sei durch eine im Jahre 1876 zu Leipzig gespielte Beratungspartie, in welcher er (Anderssen) mit zwei Verbündeten gegen zwei und Zwanzig siegreich gekämpft habe. Herr Zwanzig sprach seinen Dank für die ihm erwiesene Ehre aus und brachte denjenigen seine Anerkennung dar, welche das Werk durch ihre Unterstützung zu einem so schönen Abschluss geführt hatten.

Die Reihe der Tischreden wurde jetzt geschlossen und unter dem Vorsitz des Herrn Dr. Rudolf Gottschall zu den eigentlichen Beratungen wegen Gründung des deutschen Schachbundes geschritten. Das Wort zur Motivirung ergriff der unermüdliche Vorkämpfer in Bundesangelegenheiten Dr. Max Lange. Er führte aus, dass es ein allgemeiner Zug der Zeit sei, bestimmte Interessen nicht in einzelnen Vereinen, sondern darüber hinausgehend, sich nicht an das lokale bindend, großzuziehen und zu pflegen. Es sei der Gedanke zum Durchbrach gekommen, die Konstituirung eines deutschen Schachbundes, welcher nicht nur einzelne Vereine in sich begreife, sondern ein großes Schachwesen bilde, anzubahnen. Hoch über allen Meinungsverschiedenheiten, fern von jedem politischen Parteistandpunkt, sei es das Schach, welches wolberaten sei, die Idee gemeinsamen Wirkens und Schaffens in einem Bund zu verwirklichen. Deshalb wolle man einen all gemeinen Schacbbund errichten, welcher die Interessen der Schachfreunde vertrete, in Wanderversammlungen mit wechselndem Vorort in bestimmten Zeiten die Bedeutung des Spiels wachrufe und es belebe.

Nach dieser Motivirung, und nachdem durch die im Beginn des Festessens gehörten, von begeisterter Zustimmung der Anwesenden begleiteten Reden das allgemeine Einverständnis in dieser Hinsicht bereits hinlänglich bekundet war, bedurfte es langer Erörterungen nicht mehr. Zwar drohte zu nächst die Frage, ob der Bund über die politischen Grenzen Deutschlands hinaus Ausdehnung finden solle oder nicht, die Gemüter zu ernstlichem Streit zu entflammen; doch genügte der Hinweis von Dr. Max Lange auf die zu allen Zeiten bestandene Verschiedenheit dieser Grenzen, um nach einigem Hin- und Herreden diese in der Tat äußerst inopportune Frage fallen zu lassen. Auf weitere Spezialitäten einzugehen, verbot sich bei der Lage der Dinge von selbst; man konnte auch um so eher darauf verzichten, als ja das Leipziger Komitee das in es gesetzte Vertrauen in jeder Beziehung vollkommen gerecht fertigt hatte. Man beschränkte sich deshalb auf folgende allgemeine Beschlüsse:

  1. Es wird ein deutscher Schachbund gegründet, der alle zwei Jahre einen Schachkongress veranstaltet.
  2. Der erste Kongress des Bundes findet 1879 zu Leipzig statt; auf dem selben wird über die Organisation des Bundes endgiltiger Beschluss gefasst werden.
  3. Auf jedem Kongress wird bestimmt, an welchem Ort der nächste Kongress stattfindet.
  4. Herr Zwanzig, welcher die Befugnis erhält, sich mit anderen Herren nach seiner Wahl zu einem Komitee zu vereinigen, wird beauftragt, die erforderlichen Schritte zur Ausführung der Beschlüsse unter 1 und 2 zu tun.

Das Programm für den Mittwoch war hiermit erfüllt; die Teilnehmer am Festessen und an der darauf folgenden Beratung trennten sich in der Ueberzeugung dass nunmehr der Grundstein zu dem Gebäude gelegt sei, dessen Krönung im Jahre 1879 stattfinden soll. Und dass diese Ueberzeugung keine eitle war, lehren die inzwischen eingetretenen Ereignisse; dank der hingebenden Fürsorge der Leipziger Baumeister, dank der eifrigen Mittätig keit der verschiedenen Schachvereine, insbesondere des westdeutschen Schachbundes, der sich dem deutschen Schachbund bereits durch Statutbestimmung angeschlossen hat, schreitet der Bau rüstig vorwärts, und mit Zuversicht darf man hoffen, dass die bauenden nicht müde werden und dass ihren Bemühungen der verdiente Erfolg nicht fehlen wird. In diesem Sinne mit zuarbeiten und nach Kräften zur Vollendung des Baues beizutragen ist die Pflicht jedes deutschen Schachvereins, ist die Pflicht jedes einzelnen Schachfreundes; durch die Fertigstellung des begonnenen Werkes wird Deutschland sich den anderen Nationen, welche ihm vorangegangen sind, auch auf diesem Felde würdig an die Seite stellen.

  • "Der Schachkongress zu Leipzig im Juli 1877" von Emil Schallopp

Weblinks

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